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Ayelet Gundar-Goshen: "Für mich ist es ein Wunder, dass wir Israel haben"

Die israelische Schriftstellerin verkroch sich vor anderen Kindern in der Bücherei. Interview:
Aus der Serie: Das war meine Rettung ZEITmagazin Nr. 28/2019

ZEITmagazin: Frau Gundar-Goshen, in Ihrem Buch "Lügnerin" erfindet die Hauptfigur Nuphar eine schreckliche Geschichte, um endlich Aufmerksamkeit zu bekommen. Wurden Sie als Kind genügend wahrgenommen?

Ayelet Gundar-Goshen: Ich war eher unsichtbar. Die Achtzigerjahre waren in Israel eine wirtschaftlich schlechte Zeit. Meine Eltern mussten also viel arbeiten, und wenn sie abends nach Hause kamen, erhielten meine Geschwister, neugeborene Zwillinge, natürlich mehr Aufmerksamkeit als ich. Außer ich tat etwas wirklich Schlimmes. Es war erstaunlich, wie viele Dinge ich kaputt machen musste, um genügend Beachtung zu erhalten.

ZEITmagazin: Und wie war es in der Schule?

Gundar-Goshen: Ich war eine Außenseiterin. In der Schule musste man die Arme verschränkt auf den Tisch legen. Das kam mir vor wie eine Zwangsjacke, ich konnte nicht einmal längere Zeit still sitzen. Es hieß, ich hätte ADHS, und ich sollte auf eine spezielle Schule kommen. Meine Mutter hat das verhindert. Diesen Bewegungsdrang habe ich noch immer. Selbst wenn im Bus ein Platz frei ist, stehe ich lieber. Es gibt so etwas wie ein tanzendes Herz, das in mir immerzu hüpfen will. Die anderen Kinder fanden mich seltsam und nannten mich eine Lügnerin, ich sei hässlich und dumm. Wenn ich das nicht mehr aushielt, verkroch ich mich in der hintersten Ecke unserer Bücherei. Das war meine Rettung. Dort saß ich und las, bis sie zumachten.

ZEITmagazin: Bücher halfen Ihnen?

Gundar-Goshen: Ich war in meiner eigenen Welt, in der ich nie alleine war. Wenn ich niemanden hatte, der mit mir spielen wollte, öffnete ich ein Buch und fand darin jemanden, der mich verstand. Und sobald ich diesen Zufluchtsort verlassen musste, trug ich die Leihbücher fest an meine Brust gedrückt, wie einen Panzer, der mich vor den Worten der anderen Kinder schützte.

ZEITmagazin: In den Büchern, die Sie schreiben, stehen moralische Themen wie der Widerstreit von Gut und Böse im Vordergrund. Warum beschäftigt Sie das so?

Gundar-Goshen: Mich interessiert die Kluft zwischen dem, wie sich eine Person selbst sieht, und dem, wie sie wirklich ist. Nicht die Lügen, die wir den anderen über uns erzählen, sind spannend, sondern die, die wir uns selber glauben. Wir sind überzeugt, dass wir die Guten sind. Kriminelle sind Menschen, über die wir in der Zeitung lesen. Wir selbst würden natürlich nie so handeln. Aber ich will, dass sich der Leser fragt: Könnte es sein, dass ich unter anderen Umständen einen Menschen anfahre und ihn sterbend am Straßenrand zurücklasse? So wie in meinem Buch Löwen wecken. Ich will nicht, dass der Leser urteilt, sondern sich in die Lage des anderen einfühlt. Denn ich bin überzeugt, dass beide Seiten, Gut und Böse, Grausamkeit und Mitgefühl, in unserer Seele eingebettet sind. Und eigentlich wissen wir erst in dem Moment, in dem wir zu einer existenziellen Entscheidung gezwungen werden, wozu wir wirklich fähig sind.

ZEITmagazin: Martin Walser sagte einmal, dass fast jeder Schriftsteller auch ein Verwundeter sei.

Gundar-Goshen: Dem würde ich definitiv zustimmen. Eigentlich ist jeder Mensch ein Verwundeter. Das ist Teil des Lebens. Aber als Schriftsteller musst du bereit sein, dir deine inneren Wunden genau anzuschauen. Du musst in der Lage sein, Blut sehen zu können.

ZEITmagazin: Wenn Sie in Interviews über Ihren Ehemann sprechen, nennen Sie ihn stets Ihren Partner, warum?

Gundar-Goshen: Das hebräische Wort für Ehemann ist ba’al, und es bedeutet auch Besitzer. Umgekehrt ist das nicht so. Eine Frau kann nie die ba’al, also Besitzerin, des Mannes sein. Das kommt aus dem biblischen Hebräisch, denn in biblischen Zeiten war der Mann der Besitzer der Frau, des Landes und der Kühe. Und er hatte das Recht, sowohl die Kühe als auch die Frau zu töten. Also benutze ich für mich im Hebräischen nicht das Wort ba’al. Weil es diskriminierend ist. Der einzige Ort, an dem ich es benutze, ist die Vorschule meiner Tochter. Weil ich nicht will, dass sie die Außenseiterin ist und ich die nervige Mutter.

ZEITmagazin: Sie lebten letztes Jahr vorübergehend in den USA. Warum sind Sie nach Israel zurückgekehrt?

Gundar-Goshen: Ich vermisste den Geruch von Israel. Es ist wie bei meinem kleinen Sohn, der ruhiger wird, wenn ein Kleidungsstück von mir bei ihm in der Wiege liegt. Mit dem Geruch, der ihn seit seiner Geburt umgibt. Und in den USA fehlte mir das plötzlich, der sehr trockene Geruch der Wüste, der Geruch, wenn es nach Monaten endlich einmal wieder regnet. Aber ich kehrte natürlich nicht nur deswegen zurück. Ich bin ein politischer Mensch, also trage ich für Israel auch moralische Verantwortung. Dieses Land, diese Straße, diese Häuser, all das gab es vor 70 Jahren noch nicht. Für mich ist es ein Wunder, dass wir Israel haben. Und dann machen wir gerade alles so schrecklich falsch. Aber unser Land ist noch jung und kann sich ändern. Und wenn das passiert, will ich hier sein.

Kommentare

6 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

"...dass es eben kein Schwarz und Weiss und kein reines Gut und Böse gibt, wer sich der Illusion hingibt, sich von der Schuldhaftigkeit des Lebens befreien zu wollen, der möge zuvor dieses Buch lesen..."

Das ist zwar nicht meine Absicht, mich der Illusion hinzugeben... aber ich werde das Buch trotzdem lesen weil mich die Autorin interessiert.

Danke für den Tipp!