Heavy Metal: Über Heavy-Metal-Softies

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Aus der Serie: Gesellschaftskritik ZEITmagazin Nr. 28/2019

Kürzlich schaffte es eine Meldung, unser Heavy-Metal-Weltbild ins Wanken zu bringen: Die Band Metallica machte auf ihrer Welttournee Station in Köln und spielte den Karnevals-Hit Viva Colonia!. Auf Kölsch, natürlich.

Obwohl wir nicht die Fachzeitschrift Metalhammer sind, sondern nur eine süße kleine Promikolumne, werfen wir mal unsere Langhaarmähne zurück, um genau hinzuschauen. Metallica haben tatsächlich schon öfter deutsche Hits zum Besten gegeben: in München Skandal im Sperrbezirk von der Spider Murphy Gang, in Stuttgart Marmor, Stein und Eisen bricht von Drafi Deutscher. Eine nur auf den ersten Blick überraschende Wahl, denn beide Songs passen eigentlich ganz gut zum Rocker-Image: Im ersten geht es um einen Skandalpuff, und Marble, Stone and Iron wäre ein prima Heavy-Metal-Albumtitel – während die Metallica-Songs Now That We’re Dead , Spit Out the Bone und Creeping Death mit "Da simmer dabei, dat is prima viva Colonia!" eine eher geringe Gefühlsschnittmenge aufweisen.

Nur zwei Tage nach dem Kölner Konzert stürzten unsere Hardrock-Klischees völlig ein, als der spanische Fußballstar Sergio Ramos in Sevilla heiratete und AC/DC auf dem romantischen Fest dem trauten Paar ein Ständchen gebracht haben sollen.

Äh, Moment mal: Haben harte Rocker früher nicht Hotelzimmer verwüstet, statt Hochzeiten zu schmücken? Und seit wann wissen Rockstars eigentlich, in welchem Land sie gerade spielen, geschweige denn, wie der regionale Schunkelhit heißt? Wie soll denn das überhaupt weitergehen? Nächste Station Möbel Hübner? Schon länger werden dem Heavy Metal ja Avancen aus eher rebellionsfernen Kreisen gemacht: Heino brachte vor ein paar Jahren ein Album mit seinen Hits als Heavy-Metal-Versionen raus, Karl-Theodor zu Guttenberg outete sich als AC/DC-Fan. Ist der Heavy Metal jetzt eingeknickt?

Aber vielleicht ist das alles doch gar nicht so überraschend, schließlich haben Heavy Metal, Karneval und Hochzeiten mehr gemeinsam, als man denkt: Man verkleidet sich irgendwie. Es wird deutlich zu viel Alkohol konsumiert. Was durchs Mikro gesagt wird, ist oft ein bisschen peinlich. Es wird meist rührselig. Alle drei nehmen sich sehr, sehr ernst, und es wird sehr, sehr viel Zeit in die Haare investiert. Am Ende ist Headbangen auch nichts anderes als die extreme Form von Schunkeln. Und so perfekt ein romantischer Schmusesong für den Beginn einer Ehe zu sein scheint – einige Paare werden später denken: Eigentlich wäre Highway to Hell passender gewesen.

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