Johann König: "Als Kind habe ich mir manchmal eine andere Familie erträumt"

© Robert Rieger
ZEITmagazin Nr. 28/2019

Nach meinem Unfall, bei dem ich einen Großteil meiner Sehkraft verlor, habe ich ein Jahr lang im Krankenhaus gelegen. Vieles aus dieser Zeit ist aus meinem Gedächtnis verschwunden. Ich nahm zunächst an, das liege an den Narkosemitteln. Aber mein Therapeut sagte mir damals, es sei eine Schutzreaktion des Gehirns, die Erinnerung an traumatische Erlebnisse zu verdrängen.

Ich meine mich aber daran zu erinnern, dass meine Träume im Krankenhaus ein Stabilisator für mich waren. Sie halfen mir, mit meiner Situation zurechtzukommen. Das ist bis heute so: Wenn ich mich überfordert fühle, lege ich mich einfach schlafen. Glücklicherweise schlafe ich auch in belasteten Lebensphasen ohne Probleme ein. Am nächsten Tag habe ich dann einen anderen, klareren Blick auf die Welt.

Als Kind habe ich mir manchmal eine andere Familie, ein anderes Zuhause erträumt. Wir wohnten in einer großen Altbauwohnung mit Parkettboden, meine Freunde in Neubauten. Wir hatten ein Franz-West-Sofa – ein unbequemes Kunstwerk aus Stahl, auf dem ein Perserteppich lag –, sie hatten Teppichböden und eine Sofa-Landschaft mit Kissen und Polstern vor dem Fernseher. Das wollte ich auch! Vor allem wünschte ich mir einen Vater, der jeden Abend um 17 Uhr nach Hause kam. Mein Vater war Akademiedirektor, Museumschef und Kurator, er hat alles der Kunst untergeordnet.

Damals hatte ich eine tiefe Aversion gegen die Kunst. Das änderte sich, als ich auf dem Blinden-Internat war. Unser Kunstlehrer sagte, auch die Sehenden stünden wie Blinde vor der zeitgenössischen Kunst: Wer nichts wisse, sehe nichts. Sie erschließe sich erst durch die Auseinandersetzung. Das hat mir einen neuen Zugang zur Kunst vermittelt.

Damals habe ich begriffen, welchen wichtigen Beitrag die Kunst zu gesellschaftlichen Diskussionen leisten kann. Ich habe gespürt, welche Kraft ihr innewohnt und dass ich Teil davon sein wollte. Ich habe die Welt, in der ich als Kind gelebt hatte, neu für mich entdeckt. Künstler wie On Kawara, mit dem wir Urlaube verbrachten, wurden am Internat gleichrangig mit Thomas Mann behandelt. Das Leben, in dem ich steckte, bekam auf einmal eine gesellschaftliche Relevanz! Als Kind war es mir ja völlig egal gewesen, wenn Gerhard Richter zu Besuch kam.

Eine Zeit lang habe ich davon geträumt, Künstler zu werden. Aber ich wusste, es wäre ein langer, schwieriger Weg. Und ich hatte Angst, nicht ernst genommen zu werden, wegen meiner Sehbehinderung und mit diesem Übervater im Hintergrund. Erstaunlicherweise ist es mir dann recht schnell gelungen, mich von ihm zu emanzipieren. Ich habe früh festgestellt, dass vieles, was für ihn richtig ist, für mich falsch ist, dass wir unterschiedliche Positionen in der Kunst vertreten.

Heute träume ich davon, dass die Kunst im Leben der Menschen und in der Gesellschaft eine noch größere Rolle spielt. Ich träume von mehr Offenheit. Und davon, dass sich die Kunstwelt weniger um Preise dreht und stattdessen eine gesellschaftliche Auseinandersetzung stattfindet. Dazu möchte ich einen Beitrag leisten.

Kommentare

2 Kommentare Kommentieren

Ist nicht ganz das Ende des Schlusswortes, da kommt noch: „Und davon, dass sich die Kunstwelt weniger um Preise dreht …”

Eigentlich der Punkt, den ich gerne am Anfang gesehen hätte. Auch wegen „Als Kind habe ich mir manchmal eine andere Familie erträumt”

Weiter: „Dazu möchte ich einen Beitrag leisten.” Wie genau, das hätte mich interessiert.