Sonnenschutz: "Ich will braun werden"

© Aline Zalko
Von
Aus der Serie: Prüfers Töchter ZEITmagazin Nr. 28/2019

Lotta war mit ihren Schwestern auf Mallorca. Lotta war die ganze Zeit am Strand, was daran lag, dass die Ferienwohnung keinen Pool hatte, sonst hätte Lotta vielleicht die ganze Zeit am Pool gelegen. Eben Hauptsache dort, wo Sonne ist. Ich mag Urlaub, weil ich gerne etwas erlebe, was nicht alltäglich ist. Man isst Dinge, die man sonst nicht isst. Man lernt neue Menschen kennen und kann Orte besuchen, die man sonst nie besucht. Zum Beispiel abgelegene Klöster. Wenn ich vorschlage, man könne ja mal einen Ausflug zu einem interessanten Bergkloster machen, bekommen meine Töchter Panik.

Panik, dass sie sich mehrere Stunden durch alte Kreuzgänge schleppen und der Stimme eines Touristenführers lauschen müssen, der auf Mauern deutet und "Gotik" sagt. Am meisten leidet allerdings Lotta unter solchen Ausflügen. Denn jede Minute im Schatten alter Sakralbauten hält sie von ihrem hauptsächlichen Projekt ab: "Ich will braun werden." In dieser Hinsicht ist meine 14-Jährige wie ein umgekehrter Vampir: Wenn sie das Sonnenlicht verlässt, hat sie Angst, zu Staub zu zerfallen.

Ich jedoch fühle mich wie ein umgekehrter Vampirjäger: Mein Weihwasser ist eine große Flasche mit Faktor-50-Sonnenspray. Mit der renne ich hinter Lotta her und versuche, sie zu treffen. Lotta faucht und windet sich, als ginge es um ihr Leben. Geht es ja auch, finde ich. Über wenig wissen wir seit den Siebzigerjahren so viel mehr als über die Schädlichkeit der Sonne. Hautärzte sprechen heute nicht mehr von "Sonnenbräune", sie sprechen von "Lichtschaden". Es gibt keine "gesunde" Bräune mehr, sondern nur kleinere oder größere Abwehrreaktionen der Haut gegen die schädliche UV-Strahlung.

Manchmal denke ich kopfschüttelnd an meine eigenen Kindheits-Urlaube zurück. Meine Eltern nannten es "gegen die Sonne abhärten": Man ließ sich am ersten Tag ordentlich am Strand angrillen und hatte danach einen veritablen Sonnenbrand. Sonnencremes hatten damals allenfalls einen Schutzfaktor von sechs. Dann wartete man darauf, bis die Haut sich abschälte. Mein Mutter nannte uns Kinder liebevoll "die kleinen Pellkartoffeln". Die Haut, die dann zum Vorschein kam, die frische Haut, war meinen Eltern zufolge die "abgehärtete" Haut, die sich in der Sonne schön bräunen lasse. Das war damals Konsenswissen, aber leider falsch, wie man heute weiß. Als sonnengebranntes Kind mahne ich meine Kinder heute umso mehr, auf ihre Haut zu achten.

Am ersten Tag verweigerte sich Lotta allen elterlichen Mahnungen und verbrannte sich konsequent. Ich hoffte, das werde ihr eine Lehre sein. War es aber nicht. Immer wieder sagte ich ihr, dass die meisten Falten im Alter von der Sonne kämen. "Ich brauche meine Haut aber jetzt", sagte Lotta. Ich möchte, dass Lotta mir als alte Frau mal dankbar sein wird, wenn sie beim Tanztee auf ihre schöne Haut angesprochen wird. Aber jetzt sind wir davon leider noch 66 Jahre entfernt. "Warum willst du denn unbedingt braun werden?", versuchte ich auf Lotta einzugehen. "Papa, weil man mit brauner Haut einfach viel, viel besser aussieht." – "Aber es ist doch trotzdem nicht gesund!" – "Aber gesund sieht halt einfach ein bisschen krank aus", meinte Lotta. "Ach was, schau doch mal deinen eigenen Vater an, ich bin nie in der Sonne, schütze mich und sehe doch auch hervorragend aus." – "Das – ähem, öh – kann man vielleicht so sehen, wenn man unbedingt will", sagte Lotta und verschwand schnell. Noch immer denke ich darüber nach, wie sie das wohl meinte.

Kommentare

16 Kommentare Seite 1 von 3 Kommentieren