Katharina Wackernagel: "Als Kind wollte ich so tun, als sei ich jemand anderes. Das ist bis heute in mir drin"

© Holger Talinski
ZEITmagazin Nr. 29/2019

In einem der eindrücklichsten Träume, an die ich mich erinnern kann, steigt bei mir in der Wohnung eine große Silvesterparty. Die Leute stehen im Kreis, zwischendurch tritt immer wieder einer von ihnen in die Mitte und macht Breakdance. Alle sind ausgelassen und gut drauf, als mich plötzlich mein bester Freund bei der Hand nimmt und mich auf den Balkon führt. Dort steht ein riesiger Topf mit einer brodelnden Flüssigkeit. Eine Weile rühren wir darin herum. Dann nehmen wir den Topf, hieven ihn über das Geländer und gießen den Inhalt aus. Unten auf der Straße bildet die Brühe einen großen schwarzen See. "Schau, das ist all dein Pech", sagt mein Freund, während wir hinabgucken.

Ich hatte diesen Traum vor etwa neun Jahren, kurz nachdem ich in eine neue Wohnung gezogen war. Bis dahin hatte ich zehn Jahre mit meinem Bruder in einer WG gelebt, mit dem Umzug begann für mich ein neuer Lebensabschnitt. Es war allerdings nicht so, dass bis dahin alles blöd gewesen wäre und ich all mein Pech hinter mir lassen wollte. Im Gegenteil. Ich war damals Anfang 30 und dachte: Hach, jetzt bin ich endlich eine erwachsene Frau! Endlich musste ich nicht mehr die immer gleichen Gespräche führen, in denen ich nach meiner Schauspielschule gefragt wurde, endlich musste ich nicht mehr die ewigen Mädchenrollen spielen.

Als Kind habe ich mich oft meinen Tagträumen hingegeben und mir Geschichten ausgedacht. Ich lebte in meiner eigenen Welt und spielte anderen gern meine selbst erfundenen Figuren vor. Irgendwann habe ich kapiert, dass das vielleicht nicht immer gut gehen wird – man könnte mir vorwerfen, dass ich lüge, auch wenn das gar nicht meine Absicht war. Ich wollte einfach nur so tun, als sei ich jemand anderes. Das ist bis heute in mir drin. Wenn ich zum Beispiel Zug fahre und mit jemandem ins Gespräch komme, verspüre ich sofort eine große Lust, mir einen anderen Lebenslauf auszudenken.

Überhaupt sitze ich gern im Zug und beobachte die Leute um mich herum. Ich habe großen Spaß daran, mir Geschichten über sie auszudenken. Neulich fuhr ich von Berlin nach Hamburg. Neben mir saß ein Herr, er war vielleicht Anfang 50. Er war mir aufgefallen, weil er sich ein Weißbier bestellt hatte und auf eine besondere Art seine Lippen schürzte, wenn er zum Trinken ansetzte. Außerdem überdehnte er seine Finger auf eine merkwürdige Weise, wenn er nach dem Glas griff. Es sah aus, als wären sie aus Gummi und würden sich nach oben biegen. Mir fiel sein Ehering auf, und ich fragte mich, wie wohl die Frau zu diesem Mann aussieht. Was für ein Paar die beiden sind. Wahrscheinlich habe ich ihn ziemlich angestarrt.

Ich bin von einer Rastlosigkeit getrieben, die dazu führt, dass ich den Moment nicht richtig zu schätzen weiß. Immerzu frage ich mich, was als Nächstes kommt. Ob man es wohl lernen kann, das abzustellen? Oder macht es irgendwann Peng, und man kann das plötzlich? Ich würde es zu gerne wissen. Ich träume jedenfalls davon, mich einfach mal treiben zu lassen.

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Willkommen in der Kunst! So selbstzufrieden man eigentlich ist, so uneigentlich geht der Blick doch immer wieder auf irgendwelche Gegenüber. Künstlerische Berufe sind kein Ponyhof und das, was durch die Künstler_innen sichtbar gemacht wird, die es "geschafft" haben, ist nur ein Bruchteil.

Der überwiegende Rest kämpft sich durch, nagt bisweilen am Hungertuch, lebt von der Hand im Mund, während die Gegenüber in einer scheinbar heilen Welt irgendein Leben mit einem wunderbaren (oder nicht) Menschen an ihrer Seite führen.