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Paul Smith: "Ich flog über das Fahrzeug hinweg"

Als der Modedesigner monatelang im Krankenhaus lag, half ihm sein Humor. Interview:
Aus der Serie: Das war meine Rettung ZEITmagazin Nr. 29/2019

ZEITmagazin: Herr Smith, wann haben Sie begonnen, sich für Mode zu interessieren?

Paul Smith: Ich wollte eigentlich Radrennfahrer werden, ich hatte keinerlei Interesse an Mode. Mein Vater war Herrenausstatter, nebenbei machte er lustige Fotografien. Als ich eines Tages von der Schule nach Hause kam, hing im Garten im Hinterhof ein Laken von meinen Eltern wie ein Schleier über Holzboxen, darauf lag ein verschnürter Teppich, es sah aus, als würde alles schweben. Mein Vater sagte, bevor du Hausaufgaben machst, setzt du dich da hin und tust so, als würdest du fliegen. Das fotografierte er dann. So war mein Vater. Er hat meinen Charakter sehr geprägt. Als ich elf Jahre alt war, kaufte er mir eine Kodak Retinette, und auch ich fing an zu fotografieren. Durch den Kamerasucher die Dinge zu betrachten schulte mein Auge und schärfte meinen Blick.

ZEITmagazin: Ihr Traum, Radrennfahrer zu werden, wurde mit 18 Jahren zerstört.

Smith: Beim Training erlitt ich einen schweren Unfall. Ich trug eine sehr schmale und stylishe Buddy-Holly-Brille und sah nicht, wie das Auto auf mich zufuhr, weil ich meinen Kopf unten hatte. Ich flog über das Fahrzeug hinweg und brach mir Oberschenkel, Kniescheiben, Rippen, Finger, Nase und Schlüsselbein. Auto und Fahrrad waren komplett hinüber. Ich war bei Bewusstsein, und das Erschreckendste war, dass, als ich aufstehen wollte, die Knochen aus meiner Haut rausstachen. Im Krankenhaus hatte ich dann eine tiefe Krise, weil ich es gewohnt war, jede Woche mehr als 500 Kilometer zu fahren. Auf einmal musste ich ganz still liegen, drei Monate lang.

ZEITmagazin: Wie sind Sie damit klargekommen, sich nicht bewegen zu können?

Smith: Ich war niedergeschlagen und fühlte mich sehr krank, ich hatte furchtbare Schmerzen im ganzen Körper. Der einzige Weg, diese Krise zu überstehen, war Humor. Ich habe einfach komische Sachen gemacht. Auf der Krankenstation nannte man mich die Gottesanbeterin, weil ich mir beibrachte, mit den Füßen zu essen. Ich habe sie alle zum Lachen gebracht. Ich glaube, Humor war auch einer der Gründe meines Erfolgs.

ZEITmagazin: Sie und Ihre Frau sind ein glückliches Paar. Warum hat es 33 Jahre gedauert, bis Sie geheiratet haben?

Smith: Ich traf meine Frau Pauline mit 21, sie war verheiratet und hatte zwei Kinder. Ich liebte Pauline, und ich wollte mit ihr zusammen sein. Pauline ließ sich scheiden. Aber sie ist katholisch, und irgendwie sind wir davon ausgegangen, dass sie nicht wieder heiraten kann, ohne dass wir groß drüber geredet hätten, Heiraten war einfach kein Thema für uns. Doch dann wollte sie wieder zur Kommunion gehen, und sie erkundigte sich in Rom, ob das gehe und wie das mit einer zweiten Heirat sei. Ich wusste von alldem nichts. Plötzlich sagte sie eines Tages: Es wäre doch ganz nett, wenn wir heiraten würden – und ich sagte: Klar, warum nicht? Also vereinbarten wir einen Termin. Einen Monat später erhielt ich dann den Brief der Queen, dass sie ausgerechnet an dem Tag ein Schwert auf meine Schulter legen wollte. Es war dann also ein recht stressiger Tag: um elf Uhr Ritterschlag, 16 Uhr Hochzeit mit Pauline.

ZEITmagazin: Wie waren Ihre Anfänge als Modedesigner in Nottingham?

Smith: Pauline meinte, ich sollte einen kleinen Laden aufmachen, ich hätte so wunderbare Ideen und sprühte vor Energie. Wir konnten uns aber keinen Laden leisten. Ich hatte über drei Jahre hinweg 600 Pfund gespart, indem ich als Verkäufer und Designer gearbeitet hatte. Eines Tages sprach ich mit einem Schneider, den ich vermutlich in den Wahnsinn trieb, weil ich ihm immer während meiner Mittagspause beim Schneiden und Ausmessen zusah und dabei mein Sandwich aß. Er war einer der Menschen, die mich außer Pauline sehr geprägt haben. Er erzählte mir von einem Hinterraum in seinem Laden, drei Meter mal drei Meter, ohne Fenster – dafür aber mietfrei. Also tat ich alles, um von Montag bis Donnerstag Geld zu verdienen, und Freitag und Samstag öffnete ich den kleinen Laden. Bald wurde mir klar, dass meine Sachen zu außergewöhnlich waren und dass ich, wenn ich überleben wollte, mehr Kommerzielles verkaufen müsste. Ich wollte das aber nicht und beschloss, keinerlei Kompromisse einzugehen. Dieses Prinzip war immer die Basis meines Überlebens.

ZEITmagazin: Wie kamen Sie über die Runden?

Smith: Geld hatte ich keins, denn mit 21 hatte ich ja schon eine Familie geerbt. Ich lebte in einem Haus mit meiner Mutter, Pauline, zwei Kindern, zwei Afghanischen Windhunden und zwei Langhaarkatzen. Ich musste wirklich reinhauen. Ich schneiderte und fotografierte für Magazine, ich eröffnete eine Galerie, verkaufte Drucke von David Hockney. Und ich lernte, wie man Siebdrucke anfertigt. Ich habe zu Hause in der Garage produziert und einfach irgendwo angerufen und gefragt: "Haben Sie Bedarf an ein paar T-Shirts? Die sind wirklich toll!" Wir lebten anfangs von der Hand in den Mund, aber es hat uns geerdet. Es ist so wichtig, geerdet zu sein.

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