Uli Hoeneß: Über Engagement

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Aus der Serie: Gesellschaftskritik ZEITmagazin Nr. 29/2019

Auch uns tapferen Shoppingveteranen passiert es, dass wir vor aktuellen Themen ratlos herumstehen, die im Bauchladen des Weltgeistes Woche für Woche scheppern. Dann braucht es mehrere Stunden, bis wir Ideen zur neuesten Stützwäsche von Kim Kardashian verwerfen, den Sonnenbrand von Chris Pratt ignorieren und bei der CO₂-Bilanz umweltsensibler YouTuber leichten Herzens abwinken können. Dies ist ein verwickelter Prozess, und wer zu lange vor Angebotspaletten steht, muss ja außerdem bald fürchterlich aufs Klo, aber weiß noch immer nicht, was er nehmen soll. Deswegen waren wir diese Woche nach unseren bescheidenen Maßstäben recht glücklich, als wir erfuhren, dass die Bild-Zeitung den "Würstl-König" Uli Hoeneß, der manchen auch als Manager des FC Bayern bekannt ist, in einem Aldi in Unterhaching "erwischt" hat, wie Bild die hauseigene Praxis des Stalkings nennt. Hoeneß habe im Discounter die Rostbratwürstchen der von ihm gegründeten Firma ordentlich und verkaufsförderlich sortiert und sei danach wieder entschwunden, ohne selbst etwas zu kaufen. Vor so viel Gratisdienst am Kunden, was anderswo schon wieder Ehrenamt hieße, haben wir Respekt. Ebenso freut uns, dass es bei Hoeneß am Kühlregal von Discountermärkten offenbar gut läuft. Das müssen wir einmal betonen. Denn die ersten mundtrockenen Sportsfreunde triumphieren schon hämisch: Jaa-haaa, das ist ja wie auf dem Transfermarkt! Dort lege der Hoeneß ("Wenn Sie wüssten, was wir schon alles sicher haben") auch einiges ordentlich in die Auslage, kaufe aber selbst nichts! Nun müssen wir diese Analogie leider gelten lassen, bevor wir uns weiteren Gedanken zum Thema Wurstmanagement hingeben, nämlich: Schreibt Hoeneß auch heimlich unter Pseudonym Online-Kritiken zu seinen eigenen Produkten, wie es manche amerikanische Schriftsteller zu ihren Büchern tun? "Herrlicher Darm, liegt prima in der Hand! Leider kann ich hier nur fünf Sterne vergeben!" Oder: "Wenn Sie wüssten, wer diese Würstchen alles schon isst!" Und, grundsätzliche Frage, wieso sagen Menschen in Deutschland ernsthaft "Grillage" zu allem, was sie auf einen Rost werfen, wo Grillage doch eigentlich ein Krokant aus Zucker und Nüssen oder Mandeln meint? Hiermit entlassen wir uns alle wieder selbst in unseren eigenen Grillabend bei mayonnaisigstem Nudelsalat, wozu hoffentlich gutdurche Musik läuft und nicht schon wieder trotzig I Will Survive, da Überleben auch nach dem Verzehr von Rostbratwürstchen vom Discounter statistisch gesehen sehr wahrscheinlich ist. Egal, welche Sie nehmen.

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