Harald Martenstein: Über die Schauspielkunst und das wahre Leben

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Aus der Serie: Martenstein ZEITmagazin Nr. 30/2019

Hier die Aufzeichnung eines Gesprächs am Abendbrottisch, im Haushalt des Kolumnisten. Am Vortag war der große Journalist Michael Jürgs gestorben. Jürgs hat 1981 für den stern in dem französischen Städtchen Quiberon ein Interview mit Romy Schneider geführt. Es war ungewöhnlich offenherzig und ist, auch wegen der Fotos von Robert Lebeck, bis heute legendär. Die Regisseurin Emily Atef hat daraus einen Spielfilm gemacht.

"Du musst dir unbedingt mal 3 Tage in Quiberon anschauen. Nicht nur wegen Michael Jürgs. Marie Bäumer ist sensationell gut als Romy Schneider."

"Ich will den Film nicht sehen. Ich mag Marie Bäumer nicht, ich find die zickig."

"Was spielt denn das für eine Rolle? Das ist eine tolle Schauspielerin, in diesem Film jedenfalls. Außerdem kennst du die gar nicht."

"Ich hab mal mit ihr geredet, ich fand sie zickig."

"Jeder hat mal einen schlechten Tag. Romy Schneider soll auch nicht einfach gewesen sein. Es kommt doch auf den Film an. Wer weiß, wie Leonardo DiCaprio privat ist, womöglich ein Ekel. Ich seh doch im Kino lieber einen guten Schauspieler, der privat zickig ist, als einen schlechten Schauspieler, den ich privat am liebsten adoptieren würde, weil er so lieb ist."

"Ein wirklich guter Schauspieler schafft es auch im Privatleben, so zu tun, als ob er nett wäre."

Da musste ich nachdenken. Ich habe früher manchmal Interviews mit Stars geführt, zum Beispiel mit Whoopie Goldberg und Robert De Niro. Die konnten natürlich das Nettsein an- und ausknipsen wie unsereins seine Nachttischlampe.

"Ja, das schafft er. Zeitweise. Aber kein Mensch kann ständig eine Rolle spielen. Jeder Mensch hat Schattenseiten. Schauspieler müssen vielleicht sogar egozentrisch sein, ihr Ego ist doch ihr Beruf."

"Ich will den Film nicht sehen."

"Und wenn du zufällig Marie Bäumer nicht kennen würdest?"

"Dann würde ich mir den Film anschauen."

"Das ist doch in beiden Fällen derselbe Film!"

"Nicht für mich."

"Ich bin Marie Bäumer auch mal begegnet, ich fand die sehr sympathisch, ich kann das überhaupt nicht verstehen."

"Aha. Kein Wunder, dass dir der Film gefällt. Schau ihn dir halt noch mal an."

"Ich schau ihn doch nicht wegen Marie Bäumer an! Der Film ist gut."

"Eben gerade hast du gesagt, dass Marie Bäumer in dem Film sensationell ist."

"Als Schauspielerin! Der Film lebt natürlich von ihr, klar, es ist ja die Hauptrolle."

"Also schaust du dir 3 Tage in Quiberon doch wegen Marie Bäumer an. Und ich halt nicht."

"Und wenn Marie Bäumer schon tot wäre?"

"Wie meinst du das?"

"Na ja, tote Schauspieler. Humphrey Bogart, Katharine Hepburn und so. Da weiß man meistens nicht, wie die so waren. Außer, du hast die Biografie gelesen. Marlene Dietrich war ja wirklich zickig, das sieht man in dem Film von Maximilian Schell."

"Willst du ernsthaft Marie Bäumer mit Marlene Dietrich vergleichen?"

"Es ist nur ein Beispiel."

"Natürlich können wir uns einen Marlene-Dietrich-Film ansehen, was für eine Frage."

"Weil sie tot ist."

"Ich werde Marie Bäumer nicht umbringen, um dann im Gefängnis den Film anschauen zu können, falls das die Idee ist."

"Aber man könnte sich doch vorstellen, dass die Hauptrolle von der echten Romy Schneider gespielt wird. Die sieht im Film wirklich total echt aus. Den Vorspann mit den Namen überspringen wir einfach."

"Hm."

Und wieder einmal hat die Kunst einen Triumph über das sogenannte wahre Leben gefeiert. Marie Bäumer ist nämlich wirklich sensationell.

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