© Marlen Mueller

Weibliche Genitalverstümmelung: "Ganz viel Danke"

Eine Woche im Berliner Krankenhaus Waldfriede, in dem eine Ärztin gegen ein Weltproblem kämpft: die Verstümmelung der weiblichen Genitalien. Von
ZEITmagazin Nr. 30/2019

Samstag, 15 Uhr. Seit gut einer Stunde steht Cornelia Strunz in der kleinen Sporthalle des Krankenhauses Waldfriede in Berlin und wartet. Um 14 Uhr wollte sie beginnen, da waren sie zu fünft, um 14.30 Uhr zu acht. Nun, eine gute Stunde nachdem sie anfangen wollte, sind sie vollzählig. 21 Frauen sitzen auf den blauen Turnmatten. 21 Frauen, die auf Englisch, Französisch und Somali durcheinanderreden. 21 Frauen, die aus Guinea kommen, aus Burkina Faso, Äthiopien, Somalia, Kenia. Manche sind seit zwei, drei Monaten in Deutschland, andere seit Jahren. Manche tragen Kopftuch, andere ihr Haar unbedeckt. Manche der Gesichter sind faltenlos, andere haben tiefe Furchen. Die Frauen wohnen in Berlin oder in der Umgebung – allein, mit Familie, sind verheiratet, geschieden, verwitwet.

Sie haben wenig Gemeinsamkeiten außer einer. Alle Frauen, die hier sitzen, sind "geschnitten", so nennen sie es selbst. Fast alle. "Hallo", sagt Cornelia Strunz. Auch sie hat sich auf den Boden gesetzt, schaut lächelnd von Gesicht zu Gesicht. Von einer Frau zur nächsten: "Willkommen zur Selbsthilfegruppe für Frauen mit FGM. Es wäre schön, wenn wir jetzt anfangen können und auch, wenn das nächste Mal alle rechtzeitig da sind."

FGM, Female Genital Mutilation, so nennt Cornelia Strunz es. Das ist der offizielle Name für das, was den Frauen, die zu ihr kommen, angetan wurde.

Das Ausschneiden der Klitoris, Beschneidung nach Typ 1.

Das Ausschneiden der Klitoris und der inneren Schamlippen, Beschneidung nach Typ 2.

Das Ausschneiden der gesamten äußeren Geschlechtsteile und anschließende Zusammennähen, sodass nur eine winzige Öffnung bleibt, damit Urin und Menstruationsblut abfließen können, Beschneidung nach Typ 3.

Jede andere Prozedur, bei der die weiblichen Geschlechtsteile verletzt werden, wie das Einführen von ätzenden Substanzen, um die Vagina zu verengen, Beschneidung nach Typ 4.

"Schön, dass ihr da seid, ich bin Dr. Conny."

Dann erzählt sie den Frauen, die zum ersten Mal da sind, was sie macht. Dass sie denen, die Beschwerden durch die Beschneidung haben, helfen will. Dass die Frauen hier einen Ort haben, um sich auszutauschen. Über das zu sprechen, worüber sie sonst mit niemandem reden: ihre Beschneidung. Dr. Conny erzählt, dass sie jeden Freitag eine Sprechstunde hat, zu der jede von ihnen kommen kann. Dass die Untersuchung nicht wehtun wird, versprochen. Und dass die Frauen auch zu ihr kommen können, wenn sie nicht untersucht werden wollen. "Dann reden wir nur. So wie hier heute." Nachdem sie gesprochen hat, übersetzt eine Mitarbeiterin ins Englische, eine andere in Somali. Als ein Moment Stille einkehrt, nimmt eine Frau mit dickem Babybauch die Ärztin in die Arme, drückt sie, sagt etwas, das niemand übersetzt. Cornelia Strunz versteht es auch so. Sie hat viel gelernt in den vergangenen Jahren. Über die Frauen. Und von ihnen. Dabei hatte sie damals, als sie vor sechs Jahren anfing, beschnittene Frauen zu behandeln, keine Ahnung. Weder von weiblicher Beschneidung noch davon, was das für Frauen seien würden, die zu ihr kommen.

Denn eigentlich wollte sie, Dr. Cornelia Strunz, 48 Jahre, Berlinerin, wohnhaft in Schöneberg, Tochter eines Ärztepaars, damals Chirurgin am Auguste-Viktoria-Klinikum, nur ein Intensivseminar über Enddarmchirurgie mitmachen. Eine Weiterbildung. Fünf Tage lang.

Doch dann mochte sie den Chefarzt des Zentrums für Darm- und Beckenbodenchirurgie, ihr gefiel das Klinikum Waldfriede und auch die Vorstellung, hier zu arbeiten. Sie fragte sich: Wie wäre es, wenn ich mich hier spezialisiere und dann später eine chirurgische Praxis aufmache? Mit geregelten Arbeitszeiten, ohne Schichtdienst? Auch diese Vorstellung gefiel ihr.

Als sie wenige Wochen später bei Roland Scherer, dem Chefarzt, im Vorstellungsgespräch saß, fragte er sie in seiner ironischen Art: "Was halten Sie eigentlich von Genitalverstümmelung?" Was soll ich schon davon halten, habe sie gedacht. "Eigentlich gar nichts", antwortete sie.

Scherer erzählte ihr, dass er plane, ein Zentrum für genitalverstümmelte Frauen zu eröffnen. Ein paar Jahre zuvor war er in Äthiopien gewesen, hatte im Hamlin Fistula Hospital in Addis Abeba Frauen operiert, die an Fisteln leiden, also einer Verbindung zwischen zwei Organen, die es normalerweise nicht gibt. Wie bei beschnittenen Frauen zum Beispiel eine Verbindung zwischen Enddarm und Scheide, sodass sie über die Vagina ihren Stuhl verlieren. Er operierte Frauen, die ihren Urin und ihren Stuhl nicht mehr halten konnten. Folgen der Genitalverstümmelung. Frauen mit solchen Beschwerden wolle er künftig in Berlin helfen. Als er Cornelia Strunz fragte, ob sie sich vorstellen könne, dieses Center mit zu leiten, sagte sie sofort Ja. Ohne zu zögern.

Sieben Monate später, im September 2013, eröffneten sie das Desert Flower Center (DFC). Seitdem arbeitet Cornelia Strunz auf der Station 5 im Krankenhaus Waldfriede. Sie operiert Patienten, die Probleme am Enddarm haben, und behandelt im DFC genitalverstümmelte Frauen. Sie arbeitet im Schichtdienst, in der Woche und am Wochenende. Sechs Tage lang wird sie sich begleiten lassen.

Ein Ort, an dem Frauen offen sprechen können. © Marlen Mueller

Dienstag, 9.40 Uhr. Cornelia Strunz sitzt im Arztzimmer und schreibt Arztbriefe. Am Sonntag hat sie in der allgemeinen Notaufnahme des Krankenhauses Dienst geschoben, am Montag war ihre proktologische Sprechstunde. Nun wartet sie auf die Ankunft der Frauen. Einmal im Monat, immer mittwochs, operieren sie im Krankenhaus Waldfriede genitalverstümmelte Frauen. Sie öffnen die Vulven der Frauen, die zugenäht sind, Deinfibulation nennt man das. Sie rekonstruieren die Klitoris, die Schamlippen. 165 Frauen haben sie bisher operiert, 365 Frauen beraten, 500 waren in der Selbsthilfegruppe. Bei den Frauen, die krankenversichert sind, übernimmt die Kasse die 2.000 bis 4.000 Euro teure Operation, die anderen, etwa ein Drittel, werden kostenlos im Krankenhaus Waldfriede behandelt. Ein Förderverein, finanziert aus Spendengeldern, trägt die Kosten.

Cornelia Strunz kann sich noch sehr genau an die ersten Frauen erinnern, die sie operiert haben, an Senait aus Äthiopien und Inab aus Dschibuti. Sie weiß noch, wie aufgeregt die Frauen waren. Wie aufgeregt sie war. Natürlich, sie hatte Fachliteratur gelesen und sich medizinische Fotos von verstümmelten Vulven angesehen vor ihrer ersten OP. Sie hatte den Film Wüstenblume geschaut, die wahre Geschichte des Models Waris Dirie, die Schirmherrin des DFC ist, und dort zum ersten Mal das Wort geschnitten gehört, sie hatte die Autobiografie Geboren im Großen Regen von Fadumo Korn gelesen und verstanden, wie tief das Trauma der Beschneidung sitzt. Sie hatte sich vorbereitet. Theoretisch. Und als sie die Frauen untersuchte und zum ersten Mal sah, was sie bislang nur auf Fotos gesehen hatte, dachte sie: Es sieht schlimm aus, aber nicht schlimmer, als ich es mir vorgestellt habe. Sie ist Chirurgin. Sie kennt hässliche Dinge.

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