Bildung: "Ich glaub, da lagen wir in der Schule daneben"

© Aline Zalko
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Aus der Serie: Prüfers Töchter ZEITmagazin Nr. 31/2019

Manchmal erlebe ich bei meinen Töchtern eine gewisse Bildungsscheu. Bildung scheint für sie etwas zu sein, was für mich als Kind Lebertran war: ekliges Zeug, das man kaum schlucken wollte, von dem aber meine Oma überzeugt war, dass es unglaublich gesund sei. Ähnliche Reaktionen ernte ich, wenn ich meine Kinder zu einem Museumsbesuch animieren möchte. Dabei kann es durchaus sein, dass sie sich gerade sogar tödlich langweilen. Aber wenn ich ihnen erkläre, dass dies doch ein guter Moment sei, um vielleicht einmal eine tolle Ausstellung anzuschauen, bekommen die Mädchen fast allergische Reaktionen. Als sei das Betrachten von Kunst noch schlimmer als das Betrachten der Zimmerdecke. Ich habe den Eindruck, dass alles, was nicht auf einen Smartphone-Bildschirm passt und anhand irgendeines 3-D-Filters mit einer virtuellen Hundenase versehen und gepostet werden kann, als unzumutbar gilt.

Neulich allerdings verbrachte ich mit Greta ein Wochenende in London. Bei der Gelegenheit waren wir auch im British Museum. In London fand Greta es völlig okay, ins Museum zu gehen. Im Museum gab es eine Edvard-Munch-Ausstellung, auch eine Version des Bildes Der Schrei war dort zu sehen. "Das müssen wir nicht angucken, das habe ich schon in der Schule durchgenommen", sagte Greta. Ich fand, dass das doch gerade ein Grund sei, ein Bild anzugucken. "Papa, wir mussten das interpretieren", sagte Greta. Sie wusste aber nicht mehr, was genau ihre Interpretation des Bildes gewesen war. Sie meinte, im Hintergrund des Bildes seien Schiffe zu sehen und ein roter Himmel wie bei einer Morgenröte, das Ganze spreche für Hoffnung oder so. In der Ausstellung war auch ein Selbstporträt von Munch zu sehen, eine Zeichnung: er als kleiner Junge vor dem Leichnam seiner gerade gestorbenen Mutter. Sein Gesicht mit einem entsetzten Ausdruck, der sehr dem der Figur bei Der Schrei ähnelt. Greta stand lange vor dem Bild. Dann betrachtete sie ein Bild von Munchs tuberkulosekranker Schwester auf ihrem Sterbebett. Greta wollte wissen, was Tuberkulose ist und warum man daran stirbt. Danach stand sie noch einmal lange vor dem Bild Der Schrei, nun im Kopf die Figur eines Malers, der im Leben gelernt hatte, dass jederzeit ein Unglück auf einen einstürzen kann, das einem den Boden unter den Füßen wegzieht. Das fand Greta tief beeindruckend und sagte trocken: "Ich glaub, da lagen wir in der Schule mit unserer Interpretation ziemlich daneben." Sie habe ja gar nicht gewusst, welche Geschichten hinter diesen Bildern steckten.

Manchmal frage ich mich, ob man Kindern Kunst nicht am besten vermitteln könnte, wenn sie sich die Bilder selbst erschließen würden – und zwar über das, was sie im Leben am meisten interessiert. Bei Greta sind das schlimme Schicksale und Krankheiten. Wenn sie sich auf eigene Faust durch eine Ausstellung treiben lässt, sprechen die Bilder von ganz allein zu ihr, und sie erlebt die Malerei viel besser, als wenn ich sie ihr näherbringen wollte. Vielleicht sollte man im Kunstunterricht einfach mit den Kindern in Ausstellungen gehen und sie gucken lassen.

Meine Hoffnung, aus Greta eine angehende Kunsthistorikerin gemacht zu haben, hat sich übrigens nicht erfüllt. Wieder in Berlin, quittierte sie meinen Vorschlag, die interessante Emil-Nolde-Ausstellung zu besuchen, mit dem gleichen Unverständnis wie immer. Vermutlich muss ich den Kindern künftig einfach nur vorschlagen, in ein Museum in London oder Paris zu fahren.

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