Harald Martenstein: Harald Martenstein

Über die Berliner Spätis und die Freiheit Von
Aus der Serie: Martenstein ZEITmagazin Nr. 31/2019

Eine Berliner Spezialität sind die vielen Spätis, offiziell heißen sie "Spätverkaufsstellen". Spätis haben gefühlt immer offen. Der Sonntag, sagen Betreiber, sei der Tag mit dem größten Umsatz. Es sind kleine Läden, die anbieten, was man mal eben so brauchen könnte, von Kaffee und Bier über Mehl und Zucker bis zum Dosengemüse. Auch eine Kaffeemaschine ist oft vorhanden. Betrieben werden Spätis in der Regel von Familien mit Migrationshintergrund. Der Späti erinnert mich an die Tante-Emma-Läden, die es gab, bevor Supermarktketten den Markt in ihrem Sinne bereinigt haben. Auf den Tante-Emma-Laden wurden herzzerreißende Nachrufe geschrieben, auch von mir, obwohl ich dort selten eingekauft habe.

Um auf dem Markt zu überleben, musst du etwas Besonderes zu bieten haben. Hier sind es die Öffnungszeiten und die Nähe. Der Späti versorgt die Nachbarschaft, er ist eine Begegnungsstätte der sozialen Schichten und der Nationalitäten. Die Rentnerin trinkt zum ersten Mal ein Bier mit einem Mann aus Mali, und der zahnlose Parkbankbewohner gibt frühmorgens einer Start-up-Unternehmerin Feuer, die auf dem Heimweg vom Club einen Cappuccino zu sich nimmt. So lindert der Späti, auf bescheidene Art, diverse gesellschaftliche Probleme, er hilft bei der Integration von Einwanderern oder gegen Vereinsamung. Die Betreiber arbeiten hart und bringen es nicht selten zu bescheidenem Wohlstand. Auf dem Arbeitsmarkt hätten viele von ihnen geringe Chancen, weil sie nicht gut ausgebildet sind.

Der Sonntagsverkauf hat immer in einer rechtlichen Grauzone stattgefunden. Am Sonntag ist nur der Verkauf von "Touristenbedarf" erlaubt. Das Wort "Touristenbedarf" kann man natürlich eng oder weit auslegen. Das Berliner Verwaltungsgericht hat in einem Urteil dazu aufgerufen, das Wort in Zukunft eng auszulegen. Seitdem wird härter kontrolliert. Ohne den Sonntag aber kommen viele Spätis nicht über die Runden. Wenn sie nach und nach verschwinden, kann man natürlich sonntags am Bahnhof oder an der Tankstelle einkaufen, dazu werden viele ins Auto steigen. Ich werde dann ganz und gar Konsument sein, das isolierte, ortlose, von allen Bindungen befreite Individuum, auf das es im Kapitalismus laut Karl Marx ja hinausläuft.

Im Grundgesetz ist der Sonntag geschützt, als "Tag der Arbeitsruhe und der seelischen Erhebung". Dieser Schutz hat mit religiösen Traditionen zu tun. Wie sonderbar es doch ist, was am Ende vom christlichen Erbe übrig bleibt, der Kampf gegen die Spätis etwa. Wieso der Einkauf an der Tanke seelisch erhebend ist und der Cappuccino im Späti nicht, muss ich bei nächster Gelegenheit den Bischof fragen.

Gegen die kleinen Spätis kämpft eine Einheitsfront aus Kirchen, Gewerkschaften und Konzernen. Der Sonntag ist auch bei Amazon ein wichtiger Geschäftstag, was eingehende Bestellungen betrifft. Die Linke, die in Berlin mitregiert, ist unter den Parteien der härteste Gegner der Spätis. Sie ist gegen "Selbstausbeutung". Die Leute sollen für Mindestlohn abhängig arbeiten, diese Ausbeutung ist okay. Wenn sie arbeitslos werden, sollen sie Staat und Partei dankbar sein für deren Unterstützung. Der hart arbeitende Einwanderer, der sein eigener Chef sein will, scheint eine Art Feindbild zu sein. Wie sonderbar es auch ist, dass die Partei der Arbeiterklasse den Arbeitenden nur so lange mag, wie er ein Knecht bleibt. Am sonderbarsten aber wirkt auf mich die Erkenntnis, dass von all den heiligen Werten die Freiheit bei uns meistens nach hinten sortiert wird. Freiheit finde ich als Althippie nämlich verdammt wichtig, ja, durchaus.

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