© Herlinde Koelbl

Lisa Halliday: "Dann heiraten Sie ihn doch!"

Eine strenge britische Einwanderungsbeamtin brachte die US-Autorin dazu, zu heiraten. Interview:
Aus der Serie: Das war meine Rettung ZEITmagazin Nr. 31/2019

ZEITmagazin: Frau Halliday, in Ihrem Buch "Asymmetrie" schildern Sie die Beziehung eines älteren, erfolgreichen Schriftstellers mit einer jungen Lektorin. Von vielen wurde das als eine Aufarbeitung Ihrer eigenen Liebesbeziehung mit dem berühmten Schriftsteller Philip Roth gedeutet. Hatten Sie darauf spekuliert?

Lisa Halliday: Es frustriert mich, dass die Leute annehmen, dies sei die wahre Geschichte, denn vieles in dem Roman ist auch Fiktion. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass fast nur darüber berichtet wird. Unser Kennenlernen war ganz anders, und es endete auch nicht wie im Buch. Philip war bis zu seinem Tod ein sehr guter Freund.

ZEITmagazin: Sie kommen aus einer Kleinstadt und studierten in Harvard. Wie ist es Ihnen dort ergangen?

Halliday: Ich war überglücklich, als ich angenommen wurde, war jedoch lange überzeugt, die hätten bei meiner Aufnahme bestimmt einen Fehler gemacht und würden mich bald wieder rauswerfen. Anfangs fand ich es sehr schwierig, auf einmal lange Hausarbeiten von zehn Seiten schreiben zu müssen. Also habe ich sehr hart gearbeitet und nicht viel geschlafen.

ZEITmagazin: Wenn schon zehn Seiten schwierig waren, wie war dann die Arbeit an dem Roman?

Halliday: Ich schrieb viele, viele Seiten und warf sie alle wieder weg. Bei Philip hatte ich gelernt, dass Schreiben nicht nur Magie oder Inspiration ist, sondern dass man sich morgens um neun Uhr hinsetzt und arbeitet. Er war äußerst fleißig und sehr streng mit sich selbst und behandelte das Schreiben wie einen Job. Er lebte sehr einfach, fast wie ein Mönch, mit exakten Abläufen. Extravagant war er nur in dem, was er schrieb.

ZEITmagazin: Im zweiten Teil des Romans erzählen Sie die Geschichte eines amerikanischen Irakers, der stundenlang am Londoner Flughafen Heathrow festgehalten und befragt wird. Wie sind Sie auf diese Idee gekommen?

Halliday: Ich habe eine ähnliche Erfahrung in Heathrow gemacht. Damals besuchte ich regelmäßig meinen jetzigen Mann Theo. Eines Tages winkte mich eine Beamtin der Einwanderungsbehörde raus. Völlig grundlos. Ich hatte peinlichst darauf geachtet, nicht mehr als sechs Monate im Jahr in London zu sein. So viel ist mir als Amerikanerin gestattet. Wahrscheinlich verdächtigten sie mich, das kostenlose britische Gesundheitssystem auszunutzen, da es in den USA keines gibt. Ich wurde ganz auf mich allein gestellt in einem Raum festgehalten und befragt. Das war einfach schrecklich. Theo durfte nicht zu mir. Die Beamtin befragte mich von acht Uhr abends bis drei Uhr morgens. Ich versuchte ihr zu erklären, dass ich doch nur meinen Freund besuchen wolle. Irgendwann sagte sie: Dann heiraten Sie ihn doch!

ZEITmagazin: Das taten Sie schließlich auch.

Halliday: Nach sieben Stunden ließ sie mich gehen, aber ich bekam einen Stempel in den Pass und durfte nicht erneut einreisen. Und dann wollte ich zur Hochzeit eines gemeinsamen Freundes nach Großbritannien kommen. Mein Antrag auf ein Besuchervisum wurde kommentarlos abgelehnt. An diesem Punkt sagte Theo: Lass uns heiraten. Und so hat mich diese Beamtin zu meinem jetzigen Glück mit Theo und unserer kleinen Tochter gezwungen.

ZEITmagazin: Mittlerweile leben Sie mit Ihrem Mann in Mailand.

Halliday: Das ist sehr gut, denn so sind wir an einem neuen Ort zusammen. Keiner hat das Gefühl, für den anderen seine Heimat aufgegeben zu haben. Es war ein Abenteuer für uns beide. Meine Urgroßeltern stammen aus Italien, aus einem sehr kleinen Dorf in Kampanien. Sie wanderten nach Amerika aus, ich habe eine sehr große italienische Familie in Albany. Mein Mann und ich besuchten dieses Dorf, Vitulazio, und es war unglaublich, die Leute dort sahen sogar alle aus wie meine Verwandten, und an jeder zweiten Tür fanden wir den Familiennamen. Ich fühlte eine starke Vertrautheit. Wenn die Leute draußen saßen, rauchten, Rotwein tranken und sich wild gestikulierend unterhielten, erinnerte mich das an meine eigene Familie.

ZEITmagazin: Nach dem erfolgreichen ersten Roman steigen die Erwartungen an den zweiten. Wie gehen Sie damit um?

Halliday: Nun, eine kleine Tochter zu bekommen hat mich sehr abgelenkt. Und sie eröffnet mir neue Dinge. Als sie jünger war, schlief sie nur ein, wenn ich mit ihr im Tragetuch spazieren ging. Jeden Tag waren wir stundenlang unterwegs. So lernte ich viel von Mailand kennen, was ich sicher auch in meinem nächsten Roman verwenden werde. Sie hat mich also in die Welt hinausgeschubst.

ZEITmagazin: Wie sehen Sie Ihren eigenen Weg, von Ihrer Kindheit bis hin zur anerkannten Schriftstellerin?

Halliday: Ich hatte viel Glück. Meine Eltern liebten und unterstützten mich. In vielem bin ich noch das kleine Kind von damals. Ich habe immer hart gearbeitet, um Anerkennung zu erhalten. Und das tue ich heute noch. Aber ich kann es mittlerweile besser wegstecken, wenn das Lob ausbleibt.

Kommentare

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Zunächst hatte ich, ebenso wie vermutlich Sie, zusammengezuckt, waren in meinem Fach doch Hausarbeiten von weniger als 50 S. - zurückhaltend formuliert - unüblich.

Es hängt aber vom einzelnen Fach ab. Quantität ist nur beschränkt als Maßstab zu gebrauchen:
Ich hörte, die Dissertation von Conrad Wilhelm Röntgen umfasse nur 1,5 Seiten und war doch genial (selbstverständlich summa cum laude).

Um z.B. 10 wirklich gute, literarisch wertvolle Seiten eines Romans zu produzieren, können m.E. ohne weiteres an die 300 S. Ausschuss produziert werden. Da ändern sich dann die Maßstäbe.