Reißverschluss: Ritsch, ratsch

© Peter Langer
Aus der Serie: Stilkolumne ZEITmagazin Nr. 31/2019

Kennt hier vielleicht jemand Gideon Sundbäck, den Erfinder eines Kleinods, ohne das wir kaum einen Tag auskommen? Gemeint ist: der Reißverschluss. Der Schwede Sundbäck verfeinerte eine Erfindung von Whitcomb Judson und meldete sie 1909 zum Patent an – der Anfang des maschinell herstellbaren Reißverschlusses. Den großen Durchbruch hatte der Reißverschluss 1923, als die US-Luftwaffe Pilotenanzüge damit versah. Auch in der Mode tauchte er bald auf: Elsa Schiaparelli setzte ihn 1930 erstmals in der Haute Couture ein. Sie entwarf elegante Abendkleider, die von einem quer darüber verlaufenden Reißverschluss zusammengehalten wurden. Tradition und Zukunft trafen jetzt aufeinander, denn der Reißverschluss war damals die modernste Art, ein Kleidungsstück zu schließen.

Der Reißverschluss machte Schluss mit langen Ritualen beim Ankleiden. Er war Bote einer neuen Zeit, in der die Maschinen den Rhythmus vorgaben. Seine massenhafte Verbreitung fand er in den Sechzigerjahren, da er nun aus Kunststoff hergestellt werden konnte und so an Gewicht verlor. Und seit Vivienne Westwood ihn in den Siebzigerjahren in ihren Kollektionen verwendete, sieht man ihn immer wieder auf dem Laufsteg. Meist kommt ihm allerdings die undankbare Aufgabe zu, Kleider zusammenzuhalten, ohne selbst zu sehr aufzufallen. Deswegen ist er auch meist am Rücken versteckt oder hinter Lätzen und Paspeln.

In dieser Saison ist das anders: Der Reißverschluss ist in vielen Farben, Formen und Varianten zu erkennen. Bei Comme des Garçons Homme Plus beispielsweise wird der Reißverschluss eingesetzt, um Hosenbeine neu zu strukturieren: Drei offene Verschlüsse geben dem Kleidungsstück eine ganz neue Form. Mehrere Marken zeigen Oberteile, die nicht mehr klassisch in der Mitte vertikal geöffnet und geschlossen werden, sondern bei denen Reißverschlüsse schräg über den Oberkörper verlaufen. Fendi hat den Reißverschluss eines Männer-Pullovers so positioniert, dass er von der Achsel bis zum Ellenbogen verläuft.

All dies verleiht der Mode etwas Praktisches, auch wenn keiner dieser Reißverschlüsse wirklich praktisch ist. Selbst wenn er seit über hundert Jahren in Verwendung ist, steht er immer noch für schroffen Pragmatismus. Der Reißverschluss in der Gestalt, wie wir ihn heute benutzen, wurde übrigens 1923 von Martin Othmar Winterhalter in Wuppertal entworfen. Er nannte das Produkt "Ri-Ri". Es ist ein Rätsel, warum dieser schöne Name sich nicht gehalten hat. Als Ri-Ri hätte der Reißverschluss vielleicht deutlich mehr Glamour gehabt.

Foto: Peter Langer / Das Reißverschluss-Oberteil von Fendi lässt sich mit einer Hand öffnen.

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