Schmuggel: Über alle Berge

Unter Lebensgefahr schmuggeln Männer Waren über die Grenze zwischen dem Irak und dem Iran. Die Fotografin Nafiseh Fathollahzadeh hat sie begleitet.
ZEITmagazin Nr. 31/2019
Die Schmuggler werden "kolbar" genannt – "kol" heißt auf Kurdisch "Rücken", und "bar" bedeutet "Last". © Nafiseh Fathollahzadeh

Sie tragen billige Turnschuhe, die wenig Halt geben, die kaum Profil haben, die bedeckt sind von Dreck und Schlamm. Langsam und bedächtig klettern Hunderte Männer einen steilen Felshang im iranischen Kuh-e-Tacht-Gebirge hinauf, nur wenige Kilometer von der irakischen Grenze entfernt. Aus der Ferne wirken sie wie eine lange Prozession. Sie halten einige Meter Abstand zueinander, um zu verhindern, dass, wenn einer von ihnen stürzt, andere mit in den Abgrund gerissen werden. Auf ihren Rücken tragen sie große Kisten, mit bis zu hundert Kilo manchmal schwerer als sie selbst. Kolbar nennt man sie, Schmuggler, die jeden Tag ihr Leben riskieren. Kol heißt auf Kurdisch "Rücken", und bar heißt "Last". Geschmuggelt wird überwiegend vom Irak in den Iran, aber auch umgekehrt. Seit Langem ist der Schmuggel in der Region einer der wichtigsten Erwerbszweige, für viele: der einzige. Doch nie war die Arbeit der kolbar so riskant wie heute.

Die iranische Fotografin Nafiseh Fathollahzadeh, 30, die an der Folkwang Universität in Essen studierte, hat einige Schmuggler auf den Bergpfaden begleitet – unter großen Schwierigkeiten. Viele kolbar waren misstrauisch, einer bedrohte sie. Fathollahzadehs Bilder sind Dokumente größten Elends und der Absurdität der Embargopolitik, die den Menschen der Region aufgezwungen wird.

Es gibt auf der Welt nur wenige Gegenden, in denen der Schmuggel solche Ausmaße angenommen hat wie im Grenzgebiet von Irakisch-Kurdistan und dem Iran. 1458 Kilometer Grenze verbinden beide Länder. Eine archaische, raue Gebirgslandschaft, dünn besiedelt, kurdisch, arm. Es soll auf beiden Seiten der Grenze 40.000 kolbar geben, für die der Schmuggel die wichtigste Erwerbsquelle ist. 400.000 Menschen sollen in der Region direkt vom illegalen Grenzverkehr abhängig sein. Händler auf beiden Seiten beauftragen sie über Telefon. Kolbar tragen eine ganze Konsumwirtschaft auf ihren Rücken: Fernseher, Waschmaschinen, Staubsauger, Computer, Zigaretten, Textilien, Benzin, Satellitenschüsseln und Alkohol. Für die Händler ist das Geschäft lukrativ. Ein Karton mit 24 Bierflaschen kostet im Irak einen Dollar und im Iran 20 Dollar, eine Flasche Whiskey im Irak fünf Dollar und im Iran 48 Dollar. Für die Träger aber bleibt wenig, 10 bis 25 Dollar pro Grenzgang, von dem sie nie wissen, ob sie ihn überleben. Dutzende Schmuggler kommen in den Bergen durch Unfälle ums Leben, werden von Lawinen begraben oder stürzen zu Tode.

Im vergangenen Jahr töteten iranische Grenzpolizisten 48 Schmuggler und verletzten 104. Die Grenzer begründen den Feuerbefehl mit ihrer Sorge, dass die kolbar auch Waffen und Drogen ins Land bringen. Diese Sorge ist nicht unbegründet, da weite Teile der Grenzregion unter der Kontrolle kurdisch-iranischer Widerstandsbewegungen stehen. Seit die USA den Iran noch weiter wirtschaftlich isolieren wollen, werden die Schmuggler nun auch von irakischer Seite verfolgt, wo die kurdischen Peschmerga sie bisher weitgehend duldeten. Appelle der UN und Menschenrechtsorganisationen, das Töten an der Grenze zu beenden, bleiben wirkungslos. Auch in diesem Jahr geht das Sterben der Lastenträger weiter.

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