Diane Keaton: Über Dates

© Rachel Luna/​Getty Images
Aus der Serie: Gesellschaftskritik ZEITmagazin Nr. 32/2019

Kürzlich sagte die Schauspielerin Diane Keaton, sie sei seit 35 Jahren auf keinem Date mehr gewesen. Männliche Freunde habe sie, na klar, Freunde seien wichtig, aber ansonsten sei sie vor allem mit ihrer Arbeit beschäftigt. Und morgens füttere sie als Erstes ihren Hund und die Pferde der Nachbarn. Das mache sie glücklich. Kein Freund, kein Mann – stattdessen: Pferde? Was ist nur los mit ihr? Diane Keaton, die Wendy des Filmbusiness?

Keaton ist 73, bei ihrem letzten Date war sie also 38. Danach hat sie sich bewusst gegen Dating entschieden. Das macht uns nachdenklich: Kann es sein, dass sie schon damals etwas wusste, was wir noch erkennen müssen?

Dating ist eine aus den USA herübergeschwappte Kulturtechnik, bei der der Mann ein Auto haben darf und die Frau kein Geld für den Restaurantbesuch. Der Mann holt die Frau ab, man isst irgendwo irgendwas und hört ein bisschen zu, wie das Gegenüber versucht, nichts Falsches zu sagen, während man selber versucht, auch nichts Falsches zu sagen. Dabei fragen sich beide ständig, ob ihr Gegenüber die Zeit und Aufmerksamkeit überhaupt wert ist oder man einen wichtigen Termin vortäuschen soll, um das Ganze vorzeitig zu beenden. Zum Abschied lässt man sich vielleicht küssen, aber nicht mehr, denn dann wäre man ja eine Schlampe. Also als Frau. Und diese kulturelle Errungenschaft lehnt Keaton ab. Durchaus verständlich. Nur: Wie findet man dann die große Liebe?

Ach, die große Liebe – ein Terminus mit unvergleichlicher Karriere, spätestens seit der Romantik. Synonym für: angekommen sein, sehr guten Sex, Familie, Blicke quer durch den Raum, bei denen beide genau wissen, was der andere denkt. Topos für Film, Musik, Literatur. Gilt als absolut erstrebenswert. Und so nötigt die Suche nach ihr Menschen dazu, sich auf Online-Dating-Plattformen zu begeben, Treffen mit Idioten zu organisieren und mit allergrößter Mühe parallel zu versuchen, die Hoffnung nicht zu verlieren. Die Hoffnung ist nämlich das Wichtigste, gleich nach der großen Liebe, sagt der Volksmund. Aber was, wenn er lügt?

Vielleicht, ganz vielleicht ist die große Liebe ja gar nicht die ultimative Erfüllung, nicht das Patentrezept gegen das plagende Loch in uns. Schlicht: nicht die Antwort. Eventuell ist Zweisamkeit zwar durchaus schön, aber es kann auch angenehm sein, mit der Lebensgestaltung nicht darauf zu warten, dass der "GöGa" heimkommt, um zusammen für den Urlaub eine "FeWo" in "MeckPomm" zu finden. Und vielleicht hat Diane Keaton das erkannt. Die wirkt nämlich ausnehmend glücklich. Fast verdächtig. Was ist nur falsch mit ihr? Oder schlimmer: mit uns?

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