Handschuhe: Hand anlegen

© Peter Langer
Aus der Serie: Stilkolumne ZEITmagazin Nr. 32/2019

Der Hochsommer ist die Zeit, sich modisch für den Herbst und Winter zu wappnen. Und dabei gehören Handschuhe natürlich unbedingt dazu. Die Handschuhe, die dem Mann aktuell für die kältere Jahreszeit empfohlen werden, scheinen allerdings weniger dafür gemacht, vor Kälte und Nässe zu schützen. Sie wirken vielmehr, als könnten sie es erleichtern, einer Kuh beim Kalben zu helfen. Bei Dior Homme etwa gehen die Handschuhe aus schwarzem Leder bis über die Ellenbogen, und bei Michael Kors Collection bedecken sie den gesamten Unterarm. Bei Balmain reichen die Herrenhandschuhe ebenfalls bis zum Ellbogen und haben abgeschnittene Fingerkuppen. Und Loewe hat einen Handschuh im Programm, mit dem sich sogar der gesamte Arm verhüllen lässt.

Solche Handschuhe haben außerhalb der Veterinärmedizin wenig praktischen Sinn. Aber sie erinnern uns daran, dass dieses Accessoire uns schon seit Jahrhunderten wertvolle Dienste leistet. Die ersten Handschuhe wurden tatsächlich entworfen, um die Hände vor Unbilden zu schützen: Menschen drangen damals in Klimazonen vor, in denen sie ihre Finger vor Erfrierungen bewahren mussten, oder leisteten Arbeit, bei der die Hände verschlissen. So waren Handschuhe schon bei den Ägyptern, Römern und Griechen bekannt. Homer beschreibt in der Odyssee, dass Laertes, der Vater von Odysseus, Gartenhandschuhe trägt, um sich vor Disteln zu schützen. Und im 13. Jahrhundert erteilten Herrscher das Marktrecht, indem sie dem Ort als Zeichen der Zustimmung und des Schutzes ihren rechten Handschuh sandten. König Edward I. von England ließ sich sogar in seinen Handschuhen begraben. Mit den Jahrhunderten wurde der Handschuh also zum Symbol der (männlichen) Macht.

Im 19. Jahrhundert wurde dem Handschuh wiederum eine neue Bedeutung zugeordnet: Der wahre Gentlemen trug nun helle Stoffhandschuhe und wechselte diese mehrmals am Tag. Auf diese Weise brachte er zum Ausdruck, dass er sich im Wortsinn die Hände nicht schmutzig machte und stets mit blütenweißer Handbeschuhung aufwarten konnte. Ein Handschuh hat also neben der praktischen oft auch eine symbolische Bedeutung. Er kann für Arbeit stehen oder für das Gegenteil.

Man kann nur darüber spekulieren, um welche Bedeutung es im Fall der neuen Monster-Handschuhe geht. Soll womöglich die durch die starke Frauenbewegung gequälte männliche Seele mit neuer Maskulinität auftrumpfen? Das wiederum wird allerdings auch schwierig, wenn der Mann künftig ewig braucht, um seine Handschuhe anzuziehen.

Foto: Peter Langer / Für einen starken Arm: Handschuhe von Dior Homme

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