Konflikte in der Familie: "Ooch. Darf ich dich knuddeln?"

© Aline Zalko
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Aus der Serie: Prüfers Töchter ZEITmagazin Nr. 32/2019

Ich mag mich nicht streiten. Ich bin konfliktscheu. Ich finde, das Leben hält genug Unbill für uns bereit, da soll man sich nicht auch noch in der Familie ständig zoffen. Ich fürchte, ich liege dabei mit etlichen Erziehungsberatern über Kreuz, denn eigentlich soll man Konflikte ja nicht vermeiden. Man soll im Gegenteil stets konfrontieren, reden, spiegeln und dann die Probleme gemeinsam lösen. Das eigentliche Problem ist aber, dass Eltern-Kind-Konflikte oft darin bestehen, dass Eltern die gegenteilige Meinung des Kindes haben. Tochtermeinung: Binge-Watching von 25 Folgen Stranger Things ist okay. Vatermeinung: Ist nicht okay. Mein Glück ist, dass meine Tochter Lotta auch sehr konfliktscheu ist. Daher gehen wir uns bei all den Dingen, die schwer verhandelbar sind, möglichst aus dem Weg. Lotta guckt also heimlich auf meinem iPad – und ich frage nicht, wo mein iPad eigentlich ist. Es ist eine Kultur des Wegsehens (ich) und des Hinsehens (Lotta), die bei uns herrscht. Ich könnte natürlich auch viel strenger darauf achten, dass all die Regeln eingehalten werden, ich könnte im Pyjama fäusteballend im Kinderzimmer stehen, wenn ich den Verdacht hätte, dass von meiner Frau und mir erlassene Gebote umgangen werden. Aber, ach! Wie sähe das denn aus?

Selbstverständlich leide meine Autorität darunter kein bisschen, versichert mir Lotta immer wieder, da könne ich ganz sorglos sein. Und trotzdem kommt es manchmal doch zu Konfrontationen. Die gehen dann etwa so: Lotta macht sich und ihren Schwestern Pfannkuchen. Das tut sie sehr gerne. Sie liebt Pfannkuchen. Sie liebt es aber nicht, die schmutzige Pfanne danach wieder sauber zu machen. Ich wiederum mag es nicht, wenn sich das schmutzige Geschirr in der Küche stapelt. Würde Lotta das Geschirr in ihrem Zimmer stapeln, wäre es vielleicht okay für mich. Aber so muss ich hinsehen.

Und sage: "Lotta, das kann ja wohl nicht wahr sein! Wie oft habe ich denn schon gesagt, dass ihr die Küche gleich wieder sauber machen sollt, wenn ihr darin was gekocht habt?" – "He, ich mach das ja wieder sauber, keine Sorge." – "Sorge? Ich habe keine Sorge, sondern will, dass du endlich mal die Küche sauber hältst, wie wir das schon hundertmal besprochen haben." – "Ja, ich mach das ja auch!" Lottas erste Strategie: Wo ich ein Problem sehe, ist in Wirklichkeit keines. Aber da mache ich nicht mit: "Nein, du machst nie sauber, immer muss ich dich ermahnen!" – "Nee, du musst mich gar nicht ermahnen, du motzt hier einfach rum!" Lottas nächster Versuch ist nämlich: Ich habe kein Problem mit der Küche, sondern mit mir selbst. "Warum hast du eigentlich so schlechte Laune?" – "Wie? Ich habe überhaupt keine schlechte Laune! Ich habe super Laune, aber ..." – "Pfft! Voll die super Laune, wie du hier rumpolterst. Was ist denn los?" – "Gar nichts ist los, ich finde nur ..." Und schließlich spricht mir Lotta einfach die Ebenbürtigkeit als Streitpartner ab: "Ich finde, dass du niedlich aussiehst, wenn du dich so aufregst! Wie diese Comic-Ente." – "Donald Duck? Ich sehe aus wie Donald Duck?" – "Ja, genau, oder wie so ein kleiner hilfloser Dackel! Ooch: Jetzt siehst du genauso aus wie so ein Dackel, das ist so süß, ich würde dich am liebsten knuddeln!" – "Also, ich hab keine schlechte Laune und bin auch kein Dackel, ich ..." – "Ooch. Darf ich dich knuddeln?" Dann trolle ich mich und weiß wieder ganz genau, warum ich Konflikte meide: weil ich sie verliere.

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