New York: In der Hitze von Harlem

© Louise Amelie & Aljaz Fuis
Je heißer der New Yorker Sommer wird, desto mehr ist auf den Straßen des Viertels los – wie die Bilder der Fotografin Louise Amelie und des Fotografen Aljaž Fuis zeigen. Von
ZEITmagazin Nr. 32/2019

Wenn im August in Harlem die Straßen vor Hitze zu brennen scheinen, kommt es vor, dass die Polizei die Hydranten aufschließt, damit die Kinder sich unter dem spritzenden Wasser abkühlen können. Erlaubt ist das natürlich nicht. Die Berliner Fotografen Louise Amelie und Aljaž Fuis aber haben es selbst beobachtet, in dem Jahr, in dem sie im New Yorker Bezirk nördlich des Central Park wohnten und arbeiteten und teils ganze Tage auf den Straßen dort verbrachten. In dieser Zeit entstanden die Bilder für ihr Buch Sole Harlem: ein visueller Spaziergang durch die Streets und Avenues des Viertels, auf die im Sommer praktisch das gesamte häusliche Leben verlegt wird. New Yorker Wohnungen sind klein, auch in Harlem, wo seit einigen Jahren die Mieten genauso brutal steigen wie in anderen Teilen der Stadt. Also gehen die Anwohner auf die Straße. Dort wird Basketball gespielt und mit Wasserpistolen gespritzt, Herren in großen Anzügen rauchen Zigarre und spielen Domino, Jugendliche grillen auf dem Bürgersteig.

Im Zuge der Great Migration zogen Anfang des 20. Jahrhunderts viele Afroamerikaner aus den Südstaaten nach New York und ließen sich in dem einst von niederländischen Siedlern gegründeten Viertel nieder. In den Zwanzigerjahren entwickelte sich Harlem zum Zentrum afroamerikanischer Künstler, Intellektueller und Jazzmusiker. Duke Ellington und Louis Armstrong traten im berühmten Cotton Club auf, der allerdings wie viele andere Konzerthäuser und Nachtclubs damals nur weißes Publikum zuließ. Später lebten in dem Viertel zukünftige Stars des R ’n’ B und Hip-Hop, darunter Alicia Keys, Tupac Shakur und Q-Tip.

"Viele Menschen, auch in den USA, kennen Harlem aus den Nachrichten nur als sozialen Brennpunkt", sagen die Fotografen Louise Amelie und Aljaž Fuis. "Und viele Bilder aus Harlem sind schwarz-weiß und zeigen verarmte Afroamerikaner." Dabei seien es gerade die Farben, die das Viertel so lebhaft machten: die Ockertöne der Backsteinhäuser, das Rot-Weiß-Blau der puerto-ricanischen Flagge im lateinamerikanisch geprägten Osten, die knalligen Kleider, die viele Menschen hier gerne und stolz tragen. Harlem ist seit Jahrzehnten ein Zufluchtsort für Menschen auf der Suche nach Freiheit und nach sich selbst. "Harlem", sagt Louise Amelie, "steht zugleich für ethnische Unterdrückung und soziale Gleichberechtigung." In den Bildern der Serie von ihr und Aljaž Fuis kommt diese Widersprüchlichkeit stark zum Ausdruck. Da ist der Hund, der hinter einem vergitterten Fenster auf dem Sims liegt, die Frau, die im Waschsalon an den silbernen Maschinen lehnt, der blaue Himmel, fotografiert durch einen Maschendrahtzaun – Bilder, die von einem für New York untypischen Gefühl von Langsamkeit erzählen, als sei die Zeit in der Sommerhitze einfach stehen geblieben. Da sind aber auch die Kinder, die in Badehose auf der Straße spielen, die Mädchen, die in der Abendsonne auf einem Hausdach sitzen, die Frau im pinkfarbenen Leoparden-BH und der Herr im braunen Sakko mit rosa Einstecktuch; da sind die Jungs, die mit ihren Fahrrädern einen Wheelie machen, da ist das Mädchen, das an der U-Bahn-Station 145th Street die Beine ausstreckt wie eine Ballerina vor dem Auftritt – Bilder, die den Eindruck hinterlassen, in diesem Viertel könne man jeder sein und alles werden. Und dann sind da auch Szenen, die von Beklemmung erzählen: die vier weißen Polizisten vor der geschlossenen Apotheke, die Amerikaflagge an dem Bus, mit der man im Trump-Zeitalter eher Abschottung als Patriotismus verbindet, die Sozialwohnungstürme, die riesigen Baustellenkrater, auf denen Luxuswohnungen entstehen sollen, die sich kaum einer der alten Anwohner wird leisten können.

Louise Amelie und Aljaž Fuis zog es auf der Suche nach einer Unterkunft in New York zufällig nach Harlem. Sie blieben, weil ihnen die Menschen warmherzig und ernsthaft interessiert am sozialen Austausch vorkamen. Viele ihrer Bekanntschaften aus dem Viertel sind in Sole Harlem abgebildet, und einige werden auch zitiert. "Das Wort, das mir zu Harlem einfällt, ist hallo", sagt eine von ihnen. "Jeder kann hier seinen Platz finden. Dein Platz ist vielleicht nicht mein Platz, aber du wirst in Harlem einen Platz finden, an dem du dich wohlfühlst." Und wenn dieser Platz, an einem heißen Tag im August, nur das Fleckchen Erde unter der Wasserfontäne eines Hydranten ist.

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