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Benjamin Millepied: "Ich suche das Tiefgründige, das mich zum Denken anspornt"

Als Direktor des Pariser Balletts hatte der Tänzer das Gefühl, sich selbst zu verleugnen. Interview:
Aus der Serie: Das war meine Rettung ZEITmagazin Nr. 33/2019

ZEITmagazin: Herr Millepied, Sie konnten gerade mal laufen, als Sie mit dem Tanzen anfingen. Wie kam es dazu?

Benjamin Millepied: Ich bin im Senegal aufgewachsen, mein Vater war dort Leichtathletik-Trainer, meine Mutter Tanzlehrerin. Im Senegal gehört Musik zum Leben dazu, und Rhythmus bestimmt den Tanz, daher rührt mein natürliches Verhältnis zum Tanz.

ZEITmagazin: Im Alter von fünf Jahren zogen Sie mit Ihren Eltern aus dem Senegal nach Frankreich. Wie war das für Sie?

Millepied: Es war nicht leicht für mich, weil meine Eltern sich scheiden ließen. Ich lebte dann mit meiner Mutter in Bordeaux, einer eher kleinen und ruhigen Stadt. Als ich 13 war, besuchte ich das Konservatorium für Tanz in Lyon. Es war aufregend, von zu Hause weg zu sein. Ein Jahr später wurde ich an der School of American Ballet in New York angenommen und hatte die Chance, mit dem New York City Ballet zu tanzen und in New York zu leben. Ich war erst 14 Jahre alt und habe nicht wirklich viel begriffen, aber ich war begeistert. Der Tanz dort hatte ein so hohes Niveau, es war der totale Wahnsinn. Ich wollte gerne für ein Jahr dort bleiben, aber ich musste nach Frankreich zurück und lernte dort mit meinem Lehrer weiter. Und das war gut für mich.

ZEITmagazin: Wieso gingen Sie aus New York fort?

Millepied: Mein Lehrer in Frankreich meinte, ich sei viel zu jung, außerdem mussten wir ein Schulgeld von 10.000 Dollar berappen, das konnte meine Mutter sich nicht leisten. Meine Großeltern erkannten zum Glück, welche Chancen New York für mich bot, und übernahmen die Gebühren, so kam ich meinem Ziel etwas näher und bin ein Jahr später erneut nach New York gegangen. Es war immer mein Traum gewesen, in New York zu tanzen.

ZEITmagazin: Sie waren so jung, fühlten Sie sich nicht einsam in New York?

Millepied: Nein. Meine Familie war auseinandergebrochen. Meine Mutter nahm sich meiner an, sie hatte Vertrauen in mich. Sie ließ mich nach New York ziehen, obwohl es sicher sehr hart für sie war. Mein Vater war nie da für mich, er hat mich nie gefördert. Er lebte am anderen Ende der Welt, ich hatte nie wirklich einen Vater, er war einfach weg. Ich war zu der Zeit reifer als die meisten anderen Kinder und beschloss: Ich muss mir selbst einen Mentor suchen. Ich war wie ein Schwamm, der alles in sich aufsog, und ich fand zahlreiche Lehrer, die mir viel bedeuteten. All die Jahre hatte ich immer jemanden an meiner Seite, zumeist ältere Männer, mit denen ich mich anfreundete.

ZEITmagazin: Sind Sie denn heute auch ein Mentor für jemanden?

Millepied: Ich habe meine eigenen Regeln, wie ich meine Tänzer führe, da bin ich etwas speziell. Ich will überhaupt nicht so eine enge Beziehung zu den Tänzern. Das ist aus meiner Sicht ungesund. Tänzer suchen eine Ergebenheit und Bewunderung. Wenn sie in dir so eine Art Guru sehen, verlieren sie ihre Selbstständigkeit, ihre Freiheit und sogar manchmal ihre Identität. Das gefällt mir überhaupt nicht.

ZEITmagazin: Sie werden in den Medien auf eine Stufe mit Mikhail Baryshnikov gestellt. Aber worum geht es Ihnen selbst?

Millepied: Überall hat es die Kultur schwer, die Menschen lesen weniger, junge Leute lassen ihr Leben von den sozialen Medien beeinflussen. Ich suche die anspruchsvolle Ebene, das Wesentliche, Vielschichtige und Tiefgründige, das mich zum Denken anspornt. Mit dem L.A. Dance Project kann ich zeigen, wie ich denke, und meine Haltung zur Gesellschaft reflektieren.

ZEITmagazin: Haben Sie jemals eine schwere Krise durchlebt?

Millepied: Oh ja, als Direktor des Balletts der Pariser Oper. Es war die schwierigste Lebensphase, die ich je hatte. Die Zeit war für mich unglaublich hart, und darum bin ich auch gegangen. Ich fühlte mich dermaßen weit von meiner Kunst entfernt, es gab so viel Ärger, Unbehagen und Schmerz. Es war ein richtig brutales Umfeld einer starren Institution mit rigiden Strukturen. Ich hatte nicht viel zu sagen, ich war dem Direktor der Oper untergeordnet. Ich wusste, es würde kein gutes Ende nehmen, wenn ich immer nur alles hinnehmen, mich beugen und bleiben würde, um nur das Beste daraus zu machen. Das hätte bedeutet, ein völlig anderer zu werden. Mir wurde klar: Das ist nicht der Job, den ich wollte. Das L.A. Dance Project zu leiten ist etwas völlig anderes, es ist alles lockerer und kreativer, das ist so viel besser für mich.

ZEITmagazin: Wie haben Sie sich während dieser Krise gefühlt?

Millepied: Ich war emotional ausgebrannt. Ich bin ein sensibler, emotionaler Typ. Um an einer Institution wie der Pariser Oper erfolgreich zu sein, musst du wie ein Politiker ticken, die vielen Reibereien und Aggressionen müssen dich kaltlassen. Natürlich gab es auch dort gute Zeiten. Ich mochte viele Aufträge und hatte die Möglichkeit, mit tollen Künstlern zusammenzuarbeiten, die ich für zwei oder drei Jahre engagieren konnte. Doch alles in allem war ich nicht mehr ich selbst. Die Entscheidung zu gehen war ehrlich gesagt meine Rettung.

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