Harald Martenstein: Über den Umgang mit Nazis in den Jahren nach 1945 und den Unterschied zwischen Moral und Staatskunst

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Aus der Serie: Martenstein ZEITmagazin Nr. 33/2019
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Als ich 20 war, wimmelte es in Deutschland von ehemaligen Nazis. Im Einzelfall war schwer zu beurteilen, inwieweit das Wort "ehemalig" zutraf. Mein Großonkel war auch einer. Er hatte sein einziges Kind dazu gedrängt, sich im September 1939 freiwillig zu melden. Der Sohn starb schon in den ersten Kriegswochen, mit 18, als einer der Ersten. Der Alte blieb auch nach dem Krieg Studienrat, Fach "Deutsch". Als Kind mochte ich ihn, er hat mir viele Bücher geschenkt, ausnahmslos unpolitische. Dann wurde ich erwachsen und interessierte mich für Geschichte.