Morgenroutine: "Du könntest mal früher aufstehen"

© Aline Zalko
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Aus der Serie: Prüfers Töchter ZEITmagazin Nr. 33/2019

Luna hat mir ein YouTube-Video gezeigt, das zum Ausdruck bringt, wie sie gerne ihren Tag beginnen würde. In dem Filmchen ging es um die Morgenroutine einer Gesundheits-Influencerin. Sie steht um sechs Uhr auf, entzündet eine Kerze, trinkt einen halben Liter warmes Wasser und meditiert dann erst mal ein bisschen, während das Morgenlicht in ihr Wohnzimmer fällt. Zum Meditieren entzündet sie ein kleines Bündel von Duftkräutern, die sie in ihrem eigenen Garten gezogen hat. Sie schwenkt die kokelnden Kräuter ein wenig, damit sich die Luft mit Aromen anreichern kann. Dann macht sie Yoga. Sie streckt und biegt ihren Körper in alle Richtungen und ist dann ideal präpariert für einen Tag, der – wenn er so beginnt – nur sehr erfolgreich werden kann. "Wenn man das ansieht, würde man es gerne ganz genauso machen, aber dazu fehlt mir irgendwie die Energie", sagte Luna.

Das verstehe ich gut. Als ich in Lunas Alter war, gab es das Wort Morgenroutine noch gar nicht. Mein Morgen begann so, dass ich aufwachte, eine halbe Stunde nachdem der Wecker geklingelt hatte. Dann starrte ich lange an die Decke. Anschließend versuchte ich, mit so wenigen Bewegungen wie möglich in die Nähe einer Tasse Kaffee zu kommen. Ich hätte mir eher eine Zigarette angezündet als ein Bündel Kräuter. Aber ich musste auch schon sehr schnell los, weil ich für alle Termine, zu denen ich musste, schon wieder viel zu spät dran war. Der Morgen war für mich das Reich des Kopfwehs und der Muffgerüche.

Derweil lief das Video weiter, die Influencerin erklärte, manchmal am Wochenende sei sie sehr, sehr faul, da stehe sie leider erst spät auf, so um acht Uhr. In diesem Moment musste ich prusten. "Acht Uhr! Ich bin früher am Wochenende gar nicht aufgestanden!" Luna sagte dazu nichts, aber ich konnte an ihrem Blick sehen, dass sie meine Aussage absurder fand als die Aussage der Influencerin.

Mich beschlich das Gefühl, innerhalb von Sekunden steinalt geworden zu sein. Ich erzählte offenbar von einem anderen Jahrhundert. Als es für junge Menschen irgendwie angesagt war, die ganze Woche über an der eigenen körperlichen Selbstzerstörung zu arbeiten. Als die Nacht alles galt und der Morgen nichts. Für Luna klingt das nicht nach einer coolen Welt, sondern nach einer bescheuerten Einstellung, in der man das Wertvollste zerstört, was man das ganze Leben lang behalten wird: den eigenen Körper.

Dabei sieht Lunas Morgen in der Regel ganz ähnlich aus wie meiner, als ich noch jung war. Meistens schafft sie es nicht, rechtzeitig aufzustehen, um Yoga oder Meditation oder sonst etwas Vernünftiges und Wertvolles zu machen. Der Unterschied ist aber, dass all diese YouTube-Videos einem das Gefühl geben, es wäre besser, es anders zu machen, den Tag bewusst zu beginnen, mit Morgenritualen. "Manchmal sehe ich diese perfekten Menschen und habe gleich das Gefühl, das Leben nicht im Griff zu haben", sagte Luna. "Als ob man mit 19 Jahren schon das Leben verpfuscht haben kann." Aber gleichzeitig würden sie solche Filmchen motivieren, wenigstens ein bisschen davon umzusetzen, weil sie einem eine Vorstellung davon geben, wie man gerne wäre.

"Du könntest ja auch mal früher aufstehen", sagte Luna. Da hat sie natürlich recht. Einerseits. Aber wenn man schon mal Kinder großgezogen hat, dann hat man für den Rest seines Lebens genügend Morgenroutinen gehabt.

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