Anika Decker: "Ich möchte nie wieder solche Schmerzen erleben, mich so ausgeliefert und hilflos fühlen"

© Oliver Mark
Aus der Serie: Ich habe einen Traum ZEITmagazin Nr. 34/2019

Ich sitze an meinem Computer und schreibe, wie gehetzt. Immer wieder denke ich, dreh dich bloß nicht um, hinter dir lauert etwas Schreckliches. Ich schreibe und schreibe, muss unbedingt fertig werden. Hinter mir ein Scharren. Irgendwann drehe ich mich doch um und sehe ein verschorftes, zerkratztes Wesen, das in einem Käfig sitzt und mich mit roten Augen anstarrt. Ah ja, denke ich, das ist wohl mein Kind – und schreibe weiter.

Dieser Traum, den ich auch in meinem Roman verwendet habe, hat mich fast ein Jahr lang begleitet. Angefangen hat es 2010, damals habe ich nach einer nicht diagnostizierten Nierenentzündung, die in eine Blutvergiftung mit Organversagen mündete, acht Tage im künstlichen Koma gelegen, danach anderthalb Monate auf der Intensivstation. Es war nicht sicher, ob ich überleben würde. Meine Psyche war sehr fragil. Eine Nebenwirkung des künstlichen Komas und der Medikamente waren Halluzinationen und intensive Träume, häufig waren es Albträume. Manchmal wusste ich nicht, dass ich gerade träume; wenn ich etwas Bedrohliches geträumt habe, war das sehr real und hat mir große Angst gemacht.

Von dem zerschundenen Wesen im Käfig habe ich damals fast täglich geträumt, auch nachdem ich aus dem Krankenhaus entlassen worden war. Ich habe keine Ahnung von Traumdeutung, aber ich vermute, dieses Wesen war ich, gezeichnet von den langen Monaten im Krankenhaus, den Schmerzen und der Angst. An das Bett gefesselt und fremdbestimmt zu sein war eine entsetzliche Erfahrung. Wann immer es ging, habe ich mich in Bücher geflüchtet.

Glücklicherweise gab es auch angenehme Träume. In denen spazierte ich durch eine Fantasielandschaft, die Sonne schien, um meinen Kopf schwirrten zwitschernd bunte Zeichentrickvögel, aus einem Busch kam ein Comic-Rehkitz. Leider sind diese Figuren früher aus meinen Träumen verschwunden als das Wesen im Käfig.

Heute habe ich nur sehr selten Albträume. Schon im Krankenhaus habe ich begonnen, kurz vor dem Einschlafen ganz intensiv an etwas Schönes zu denken – an meinen Freund, meine Familie, meinen Hund. Diese Bilder prägen dann meine Träume. Wenn ich mir Sorgen mache oder Probleme habe, versuche ich, diesen Ballast nicht mit in den Schlaf zu nehmen. Bevor ich ins Bett gehe, stelle ich mir vor, was schlimmstenfalls passieren kann und wie ich damit umgehen könnte. Danach beschäftige ich mich mit anderen Themen. Das funktioniert erstaunlich gut, bis heute.

Ich wünsche mir, ohne schlimmere Krankheiten alt zu werden und eines natürlichen Todes zu sterben. Alt zu werden macht mir keine Angst, jeder Geburtstag ist ein Festtag für mich, egal welcher. Ich habe begriffen, dass ich irgendwann sterben muss. Irgendwann werde ich wohl müde sein, und dann ist der Tod nicht mehr so erschreckend. Aber ich möchte nie wieder solche Schmerzen erleben, mich so ausgeliefert und hilflos fühlen.

Bevor ich sterbe, würde ich allerdings gern noch einige Wochen oder Monate in Kalifornien am Meer leben, diese Sehnsucht begleitet mich schon länger. Schreiben und auf das Meer sehen – das stelle ich mir wunderbar vor.

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