Harald Martenstein: Über eine Prüfstelle für Literatur, die unsensible Textstellen aufspürt

Die Literaturprüfstelle Sensitivity Reading checkt Texte auf heikle Stellen. Was hätten Schriftsteller wie Kafka da heute den Lesern alles zu erklären! Von
Aus der Serie: Martenstein ZEITmagazin Nr. 34/2019

Ein Leser hat mich auf die Literaturprüfstelle Sensitivity Reading aufmerksam gemacht. Sensitivity Reading checkt gegen Honorar deutschsprachige Texte auf "schädliche oder missverständliche Darstellungen und Mikroaggressionen". Die Prüfer*innen "besprechen mit den Autor*innen die problematischen Aspekte und zeigen Alternativen auf". Sie sind "meist Personen aus marginalisierten Gruppen". Leider prüfen sie Manuskripte "nicht auf Logikfehler im Plot oder Stil", obwohl Leute wie ich Logikfehler durchaus als Mikroaggression empfinden.

Mit Zensur habe dies nichts zu tun. Echt? Die Idee ist, dass Betroffene prüfen, ob ihre Gruppe in einem Roman so beschrieben wird, wie sie selbst es sich wünscht. Dies bedeutet, man kann’s nicht oft genug sagen, das Ende der Literatur. In der Literatur spielt die Subjektivität des Autors, die recht speziell sein kann, eine tragende Rolle. Allein schon das negativ besetzte Wort "missverständlich"! Gerade durch Vieldeutigkeit werden Texte oft gut. Dem Himmel sei Dank, dass Kafka nicht klarstellen musste, welches Regime genau er in Der Prozess beschreibt. Heute müsste er vielleicht im Vorwort beteuern, dass nicht die Grünen gemeint sind.

Lustigerweise haben sie mir, damals, als ich als Journalist anfing, die genau entgegengesetzte Vorgehensweise beigebracht. Da hieß es: "Wenn Sie über eine Person schreiben, dann geben Sie ihr bloß nicht vor der Veröffentlichung das Manuskript zu lesen. Die Person wird verlangen, dass alles gestrichen wird, was ihrem Image schadet. Zeigen Sie dem Porträtierten nur dessen wörtliche Zitate."

Was tun, wenn ein Marginalisierter selbst etwas Unvorteilhaftes über seinesgleichen erzählt? "Zu Recherchezwecken mit Betroffenen zu reden", heißt es auf der Website, "stellt kein Sensitive Reading dar. In diesem Fall werden die Inhalte nicht ausreichend geprüft", auf Gefälligkeit, was sonst. Man soll "problematische Klischees" und "Stereotype" vermeiden. Gestresste Alleinerziehende, Politiker mit Alkoholproblem, Türken, die Döner säbeln, das sind Klischees, die sich manchmal aufdrängen. Man muss halt die "problematischen" herausfiltern.

Manche Sachen sind so krass, dass sie nicht mal zur Prüfung zugelassen werden. Autoren sollen "triggernde Inhalte" vorher benennen, damit die Prüfer*innen "das Projekt vorsorglich ablehnen können". Rike zum Beispiel, die sich unter anderem auf das Thema "Fatshaming" spezialisiert hat, lehnt "Erotica, Horror oder Thriller" komplett ab. Dicke Vampire, die Sex haben, tun ihr zu sehr weh. In den Tweets einer Prüferin habe ich sogar ein Bilderbuch meines Sohnes entdeckt, das zu unsensibel ist. Ein Bild darin zeigt eine Feuerwehrfrau, die, immerhin gemeinsam mit einem Kollegen, das Feuerwehrauto putzt. Putzende Frauen gehen nicht. Aber Feuerwehrleute tun das doch. In einem anderen Tweet regt sich Prüferin Victoria über ein Plakat auf, das einen Lehrer an der Tafel zeigt. "Ein weißer Typ soll meinen Kindern die Welt erklären? Näh." Einstein geht auch nicht.

Nun könnte man einwenden, dass man sich dem Sensibilitäts-Check schließlich nicht unterwerfen muss. Ich aber sage: Ich bin ein Trendscout. Das ist der Trend. Irgendwo habe ich gelesen, dass in unserer Weltgegend die Hauptgefahr für die Freiheit nicht von Regierungen kommt. Der Ruf nach Zensur schallt aus der Gesellschaft. Etliche Gruppen ertragen es nicht, dass andere anders reden oder denken als sie. Und kaum jemand wagt es, sich ihnen entgegenzustellen, weil das alles in der Verkleidung einer höheren Moral daherkommt.

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