: Über England

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Aus der Serie: Gesellschaftskritik ZEITmagazin Nr. 34/2019

Eigentlich ist es fast egal, was Meghan, Herzogin von Sussex, so macht, denn uns klatschinteressierten Journalisten liefert die Neue im Königshaus auch so genug Stoff. Wer es einmal gewagt hat, den Buchstabenkombination M-e-g-h-a-n in die Google-Suche seines Smartphones einzutippen, wird für den Rest seiner Tage mit News über ihr schwiiiieriges Leben versorgt: Warum stand sie beim Polo-Match nicht lebhaft plaudernd neben Kate? Hassen sich die beiden etwa?!? Haben sich ihre Männer, die einst so inniglich verbundenen Brüder, über die beiden Frauen zerstritten???? Und so weiter, immer im Stil einer "besorgten Freundin", die einem gleichzeitig die Feindin ersetzt.

Jetzt hat M. aber etwas getan, was wirklich Fragen aufwirft. Und zwar hat sie in einer von ihr kuratierten Ausgabe der Vogue ein Gedicht veröffentlicht, das ein britischer Autor geschrieben hat, zum Thema Bikini-Körper: "Hello. I am the beach. I am created by waves and currents. I am made of eroded rocks (...). And I have to tell you something. I don’t care about your body. I am the beach. I literally don’t give a fuck (...)." Das sei eines ihrer liebsten Gedichte, schrieb Meghan, und natürlich folgte ein Twitter-Tsunami: Ein solcher Text ausgerechnet in der Vogue, der Zeitschrift also, die die letzten hundertzwanzig Jahre nicht gerade gegen den Bikini-Body gekämpft hat. Überhaupt: Kitsch! Unsubtil! Das schlechteste Gedicht ever!

Wir sagen dazu jetzt einfach gar nichts. Außer dass wir finden, dass Meghan sich dringend mal mit Boris Johnson treffen sollte, der es nämlich auch versteht, der welken Textform des Gedichts enorme Aufmerksamkeit zu verschaffen.

In seiner Zeit als Außenminister trug er an einer heiligen Stätte in Myanmar ein nostalgisches Kolonial-Poem vor, vom Dschungelbuch-Autor Rudyard Kipling ("Bei der alten Pagode von Moulmein, die gen Osten schaut zum Meer, da sitzt ein Burmeser Kind, und ich weiß, ich gefalle ihr sehr"), bis ihm der britische Botschafter zuzischelte, der Vortrag sei "not appropriate". Und als Böhmermann von Erdoğan bedroht wurde, dichtete Boris einen Limerick, in dem sich Ankara auf "wankerer" reimt, müssen wir das Wort wirklich übersetzen?

Liebes England. Du hast uns dein Vertrauen und deine zollfreien Märkte entzogen, aber du schenkst uns dafür zwei Superpromis, die noch viel für das globale Bruttosozialprodukt tun werden, denn schließlich zählen dazu auch Klatschblätter, Paparazzi-Fotos und der Strom, der bei der Lektüre von Prominachrichten verbraucht wird, und keine Grenze und kein Handelskrieg kann unser Interesse daran je aufhalten.

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