Ordnung: "Ich ess doch ordentlich!"

© Aline Zalko
Von
Aus der Serie: Prüfers Töchter ZEITmagazin Nr. 34/2019

Juli und ich haben grundsätzlich divergierende Ansichten zum Thema Essen. Meine Frau und ich verlangen nicht viel. Aber schon, dass man sich "ordentlich" an den Tisch setzt und "ordentlich" isst. Juli sagt: "Ich sitze doch ordentlich!", und: "Ich esse doch ordentlich!" Ich habe oft über das Konzept "ordentlich" nachdenken müssen. Es bedeutet grundsätzlich "einer Ordnung folgend". Das kann vieles bedeuten. Ich persönlich bin zufrieden, wenn Dinge aufgeräumt scheinen. Meine Frau hingegen ist eine Anhängerin einer tieferen Ordnung. Während ich es okay finde, wenn Sachen in einer Schublade liegen und nicht auf dem Boden, möchte meine Frau, dass sie auch in der Schublade geordnet sind. Ordnung ist also ein subjektives Konzept.

Meine Frau und ich sind uns allerdings weitgehend einig, was Ordnung am Tisch bedeutet. Nämlich gerade sitzen. Also mit dem Oberkörper parallel zur Tischkante. Für Juli ist das nicht so wichtig, sie sitzt gerne schräg am Tisch, so als lehne sie an einem Kneipentresen. In dieser Haltung ist es aber nicht so einfach, eine Gabel zum Mund zu führen, weshalb leicht etwas von der Gabel herunterrutscht und auf der Hose oder auf dem Fußboden landet. Was mitunter auch dadurch begünstigt wird, dass Juli die Gabel konsequent falsch herum hält. Ich ermahne Juli dann und sage: "Wenn du nicht ordentlich isst, kannst du nicht mit uns am Tisch sitzen, sondern musst woanders essen." – "Ich esse doch ordentlich", sagt Juli und lässt eine mit Tomatensoße verschmierte Nudel auf die Tischkante gleiten, wo sie dann baumelt. In der Werbung reagieren Eltern immer gütig lächelnd, wenn Kinder schmieren, und freuen sich, dass sie endlich ihr supersoftes Küchenpapier ausprobieren können. Ich freue mich nicht, deswegen sieht man mich auch nicht in der Werbung. Ich mahne laut: "Du isst jetzt SOFORT ordentlich, sonst trag ich dich vom Tisch weg!" – "Ich ess doch ordentlich!", sagt Juli und trinkt den Apfelsaft so, dass er ihr am Kinn herunterrinnt. Nun muss ich zur Tat schreiten. Ich wollte doch nur etwas essen, und jetzt muss ich mein Kind vom Abendbrottisch entfernen wie ein Türsteher den Problemgast von der Party. Juli protestiert laut. Ich trage sie in ihr Zimmer und setze sie auf das Bett, ich setze mich daneben. "Was denkst du dir dabei, so frech zu sein?" – "Ich bin gar nicht frech!" Ich will mich auch nicht in eine endlose Diskussion zwingen lassen. "Versprich mir, jetzt ordentlich zu essen, sodass wir zurück an den Tisch können." – "Du könntest ja auch mal lieb fragen, nicht immer so böse!" – "Ich bin nicht böse, ich bin nur etwas sauer!" – "Immer bist du sauer, sauer, sauer! Du könntest ja auch mal lieb sein", sagt Juli. Ich hole tief Luft und frage, so als hätte ich einen ganzen Heliumballon eingesaugt: "Möchtest du jetzt bitte zum Tisch kommen und ordentlich essen, damit wir es alle schön haben, liebe Juli?" Das ist ihr dann lieb genug.

Während wir zum Tisch zurückschlurfen, wo das Essen gerade kalt wird, frage ich mich, warum Juli eigentlich mal wieder das letzte Wort hatte. Und als Juli endlich "ordentlich" isst, fällt mir ein, dass sie oft einen Nervenzusammenbruch bekommt, wenn man ihr Zimmer aufräumt. Und dann mit Mühe alles wieder hervorkramt, bis es aussieht wie vorher. Vielleicht ist Julis Vorstellung von "Ordnung" einfach, dass absolut nichts in den Schubladen, sondern alles auf dem Boden liegen muss. Von diesem Standpunkt aus isst Juli sehr ordentlich, und ich könnte das ruhig freundlicher kommentieren.

Kommentare

24 Kommentare Seite 1 von 3 Kommentieren