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Christoph Eschenbach: "Das Leben war auf einmal eine große Einsamkeit"

Als Kind hörte er vorübergehend auf zu sprechen, die Musik erlöste den heutigen Dirigenten. Von
Aus der Serie: Das war meine Rettung ZEITmagazin Nr. 35/2019

ZEITmagazin: Herr Eschenbach, Sie haben als Kind Tragisches erlebt: Ihre Mutter starb bei Ihrer Geburt, Ihr Vater kam im Zweiten Weltkrieg in einem Strafbataillon um. Mit Ihrer Großmutter waren Sie ein Jahr auf der Flucht, und als Sie endlich ein Flüchtlingslager erreichten, erlag sie einer Typhuserkrankung. Mit nur fünf Jahren waren Sie auf einmal ganz allein. Hörten Sie deshalb auf zu sprechen?

Christoph Eschenbach: Da fing es an. Meine Großmutter war tot, wurde in ein Massengrab geworfen, und die anderen Leute kannte ich kaum. Anfangs waren wir sechzig Leute im Lager, dann war ich einer von zwei Überlebenden. Das Leben war auf einmal eine große Einsamkeit. Ich konnte einfach nicht mehr sprechen, es war eine Verletztheit des Inneren. Die Cousine meiner Mutter adoptierte mich, aber das Grauen, das sich in mir angesiedelt hatte, ging lange nicht weg. Meine Adoptivmutter war Pianistin. Sie unterrichtete auch zu Hause, und jeden Abend spielte sie mindestens zwei, drei Stunden Klavier, während ich in meinem Bettchen lag. Und eines Abends sah sie mich mit Riesenaugen daliegen und fragte: "Willst du auch spielen?" Und da sagte ich: "Ja", und das war mein erstes Wort nach einem Dreivierteljahr. Die Musik hat mich gerettet.

ZEITmagazin: Sie haben Ihre Karriere als Pianist begonnen, wurden aber auch bald Dirigent. Warum?

Eschenbach: Wenn ich mein Pianisten-Leben betrachte, war das ein sehr einsames, diese Rumreiserei, auch wenn ich mit Orchester spielte. Es war für mich ein Erlebnis, als ich zum ersten Mal einen wirklich großen Dirigenten sah, und das war Furtwängler. Ich war elf Jahre alt und ging mit meiner Adoptivmutter in ein Konzert, wir saßen sehr weit vorne, ich konnte diesen Mann beobachten, wie der die Musiker animierte und mit welcher Kraft sie spielten, manchmal wie Teufel, manchmal wie Engel. Ich war so fasziniert, und das kam mir in meinem Pianisten-Leben immer wieder vor Augen.

ZEITmagazin: Als Pianist ordnen Sie sich ein, als Dirigent führen und gestalten Sie. Sie fordern von den Musikern ein, was Sie erwarten.

Eschenbach: "Fordern" gefällt mir nicht. Meine Haupteigenschaft ist, aus den Musikern herauszulocken, was möglich ist. Ich bin nur darauf aus, die Vision, die ich von der Musik habe, in den Musikern zu verankern und gemeinsam mit ihnen an dieser Vision zu arbeiten. Also würde ich es eher ein "Herausfördern" nennen. Und das gibt unglaublich viel Erfüllung.

ZEITmagazin: Der Cellist Desmond Hoebig sagte einmal, dass Musik für Sie alles sei, mehr als hundert Prozent. Das sei jedoch nur möglich, weil Sie nicht zusätzlich noch eine Familie hätten.

Eschenbach: Das Wort zusätzlich ist richtig. Ich liebe Kinder, und ich würde es auch lieben, eine Familie zu haben, aber es würde mich einschränken, sowohl in meinem Ausdruck als auch in meiner Konzentration. Es ist ein Leben durch die Musik und mit der Musik, dem ich mich verschrieben habe.

ZEITmagazin: Was bedeutet Ihnen Stille?

Eschenbach: Alles wird aus der Stille geboren in dieser lauten Welt. Stille ist unglaublich notwendig für Konzentration, Denken und Fühlen. Dafür müssen Sie sich zurückziehen. Stille hat auch sehr viel mit Spannung zu tun. Am Ende eines Stückes muss ein Raum entstehen, wo etwas nachwirkt und nicht zerklatscht wird. Das kommt auch aus dem Zentrum. Man muss wahnsinnig kontrolliert sein mit dem Atem. Sonst kann man die Stille nicht regieren.

ZEITmagazin: Konzentration scheint für Sie besonders wichtig zu sein.

Eschenbach: Ja, im wörtlichsten Sinne, "Kon" und "Zentrum". So dirigiere ich, aus dem Zentrum heraus in die Bewegung. Diese Körperlichkeit beim Dirigieren ist mit dem Atem verbunden. Sie setzt sich durch den Atem im Orchester fort, und dann bekomme ich den Schwung von Atem wieder zurück. Das ist fast wie Ballett.

ZEITmagazin: Denken Sie, dass Sie durch Ihre Erlebnisse in der Kindheit ein besseres Verständnis von Mahler haben, der in seiner Musik oft das Gefühl des Alleinseins ausdrückt?

Eschenbach: Mahler ist für mich ein Seelenzeichner. Nicht nur bei Mahler, sondern zum Beispiel auch bei Beethoven oder Schubert ist die Welt der Einsamkeit in Musik gemalt. Und man kann sich sehr gut damit identifizieren, wenn das ins Unbewusste eingeschrieben ist. So ist es bei mir.

ZEITmagazin: Welche Musik soll einmal auf Ihrer Beerdigung gespielt werden?

Eschenbach: Früher habe ich darüber nachgedacht und die großen langsamen Sätze von Mahler aus der Dritten und der Neunten genannt. Aber ich habe das wieder aufgegeben. Ich finde diesen Gedanken mittlerweile ein bisschen seicht. Das ist nur eine Zeremonie, eine Konvention, und die ist überflüssig. Ich lebe ziemlich unkonventionell. Dadurch bin ich ein innerlich freier Mensch. Da brauche ich gar nicht nachzudenken, ich bin es.

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