Harald Martenstein: Über das Älterwerden und die späte Erfüllung eines Traums aus Studentenzeiten

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Aus der Serie: Martenstein ZEITmagazin Nr. 35/2019

Eine typische Begleiterscheinung des Älterwerdens besteht darin, dass man selber häufig der Letzte ist, der es bemerkt. Für meine Umwelt mag ich ein älterer Herr mit einem etwas unpassenden Haarschnitt sein, aber für mich selbst bin ich im Großen und Ganzen immer noch der Mensch, der ich vor dreißig Jahren gewesen bin. Dieser Mensch, der in mir wohnt und einfach nicht ausziehen möchte, hat sich jetzt ein Hochbett zugelegt.

Als Student habe ich immer die Mitstudierenden beneidet, die ein Hochbett besaßen. Ich fand das heimelig und cool und enorm platzsparend. Aber ich bin damals oft umgezogen. Das Hochbett hätte ich bei all diesen Umzügen schwerlich mitnehmen können. Ich hätte jedes Mal ein neues Hochbett anschaffen müssen. Ein bisschen geizig bin ich ja auch. Nun hat mein kleiner Sohn ein Hochbett, und als ich ihm dort zum ersten Mal eine Gutenachtgeschichte erzählt habe, stand der Entschluss fest. Andere alte Knacker schaffen sich ein Motorrad an, wenn bei ihnen der Lack ab ist. Ein Hochbett ist jedenfalls ungefährlicher und billiger. Und nicht jeder sieht es.

Der Bettenbauer hat mir vorsichtig geraten, keine Leiter zu nehmen, sondern eine richtige Treppe mit Handlauf. Auf diese Weise bestehe eine Chance, wenn auch eine kleine, dass ich auch noch in zwanzig Jahren jederzeit zu Bett gehen kann, wenn mir danach ist. Mein neues Hochbett ist eine strahlend weiße Luxusversion, extrabreit, mit Bücherregal und Strahlern, die sich dimmen lassen, eigentlich sieht es wie eine Jacht aus.

Es hat mehrere Wochen gedauert, bis ich bereit war, mir einzugestehen, dass es mühsam ist, auf das Bett hinaufzukommen. Die Treppe musste nämlich relativ steil ausfallen, damit sie nicht das gesamte Zimmer ausfüllt. Nun liege ich nachts oft wach und überlege, ob ich wirklich so dringend auf die Toilette muss, wie es mir scheint, oder ob sich dieser Gang nicht bis zum Morgen aufschieben lässt. Es ist auch sehr warm da oben. Im Grunde sollte man sich, wenn man ein Hochbett kauft, gleichzeitig eine Klimaanlage anschaffen. Von da oben habe ich auch freien Blick auf mein Bücherregal. Mein letzter Gedanke vor dem Einschlafen ist jetzt immer: Auf dem Bücherregal müsste dringend mal Staub gewischt werden. Meine Gattin, die meist schon vor dem Morgengrauen aufsteht, brachte mir früher auf die liebenswürdigste nur denkbare Weise eine Tasse Kaffee ans Bett. Nun höre ich immer öfter den Satz: "Der Kaffee steht unten." Aber heimelig und cool ist das Hochbett zweifellos.

Kürzlich war in unserem Viertel ein Flohmarkt. An einem Stand wurden CDs angeboten, fünf Stück für zwei Euro. Ein Paar, schätzungsweise zwischen vierzig und fünfzig, verkaufte. Sie hatten jede Menge CDs von Ry Cooder. Der Gitarrist und Sänger Ry Cooder bedeutet für mich etwa das, was Greta Thunberg für Robert Habeck bedeutet. Ich sagte: "Ry Cooder, wie toll, ihr seid wohl auch Fans." Die Frau sagte: "Nee, nicht so, die sind von meinem Vater." Zuerst dachte ich, dass ihr Vater mindestens hundert sein muss. Dann fiel mir ein, dass andere Väter ihre Kinder jünger zeugen, als ich es zu tun pflege. Und mir fiel ein, was auf den Flohmärkten verscherbelt wurde, als ich vierzig war, das waren Platten von Zarah Leander und Hans Albers.

In der Pubertät wollen viele unbedingt älter wirken, um so richtig dazuzugehören. Und irgendwann ist es dann genau umgekehrt. Man macht sich im Leben meistens zweimal lächerlich, dachte ich, als ich mühsam auf mein luxuriöses Hochbett kletterte. Aber das ist ja auch völlig okay.

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Hochbett ... Landschulheim, Bundeswehr, Jugendherbergen ... Heilig's Leiterle, hinreichend juveniler Stoff für ausgemachte Tragödien, an deren Ende - wie bei den athenischen Dionysien - das Satyrspiel stand, wo der Silen im Schafspelz (Papposilenos) sich als Erzieher der Jugend ausgibt, aber nur mit Blick auf Wein, Weib und Gesang. Der klassische Silen Sokrates im Hochbett?! Vorsicht bei der Einnahme von Getränken ist geboten ...

Als ich 12 war, wollte ich mein Hochbett dringend loswerden, weil es uncooler Kinderkram war. Im Studium war ich froh, dass meine Eltern es für mich aufbewahrt hatten, weil ich damit den begrenzten Platz in der Studentenbude besser ausnutzen konnte. Jetzt hätte ich gerne wieder eines, nicht, um den Platz darunter nutzen zu können, sondern einfach, weil die Größe des Schlafzimmers es zulässt. Da Herr Martenstein etwas älter ist als ich, weiß ich, dass ich mich damit aber wohl nicht beeilen muss. Das geht auch in zehn Jahren noch.