Harald Martenstein: Über das Dasein als Hobbybauer und den Geruch verwesender Früchte

Die Qual des Hobbybauern: Wohin soll das ganze Obst nur? Gekaufte Marmelade schmeckt doch eh immer ein bisschen besser! Als schaute man dem Obst beim Faulen zu. Von
Aus der Serie: Martenstein ZEITmagazin Nr. 36/2019

Viele Städter, die in Stadtwohnungen leben, haben auch einen Garten. Dieser Garten befindet sich in einer Laubenkolonie, oder er schmückt, wie in meinem Fall, ein Wochenendhaus. Im Garten betätigt der Städter sich häufig als Hobbybauer. In meinem Fall besitzt er einige Obstbäume.

Ich hoffe, dass ich nicht wieder Diskussionen wegen Wortwiederholungen führen muss. Jedes Mal, wenn ich ein Wort oder eine Formulierung aus Gründen der Rhetorik oder des Rhythmus wiederhole, zum Beispiel "Garten" und "in meinem Fall", kommt eine Mail von der Redaktion. Die Wiederholung müsse weg. Ich antworte dann immer, dass Martin Luther den ersten Satz des Alten Testaments so übersetzt hat: "Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Und die Erde war wüst und leer." Ob es etwa besser wäre, wegen der Wiederholung, ungefähr so zu formulieren: "Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Der neu entstandene Planet war überdies wüst sowie leer"? Diese Diskussion habe ich im Lauf der Jahre siebzehn Mal geführt. Daran sind die Deutschlehrer schuld, die Wiederholungen im Aufsatz rot unterkringeln.

Das Gärtner- und Hobbybauernleben dagegen lehrt einen, dass die Wiederholung ein Grundprinzip alles Lebenden ist. Letztes Jahr kam irgendwann der Herbst, ich möchte wetten, dass es diesmal auch wieder Herbst wird. Die Obstbäume tragen Früchte, auch dies wiederholt sich ohne jeden Anflug von Originalität. Es ist immer zu viel Obst, bis auf die Kirschen, die in jedem Jahr innerhalb weniger Stunden von den Vögeln weggefressen werden, und zwar immer von schwarzen Vögeln, deren Name jedes Jahr nachgeschlagen und sofort vergessen wird. In jedem Jahr wird Obst verschenkt, dies ist der Unterschied zwischen Hobbybauern und echten Bauern. Von Jahr zu Jahr wirkt die Freude der Beschenkten gezwungener, denn auch sie können so viel Obst, wie sie bekommen, nicht wirklich essen. Den Satz "Wirf es doch weg" wagt niemand auszusprechen. Man stellt Marmelade oder Gelee her, und bekommt leider auch von anderen Hobbybauern dergleichen geschenkt. Mehr als ein Glas pro Quartal isst man selten, folglich füllt sich Regal um Regal mit Geleegläsern. Es dauert Jahre, bis man sich eingesteht, dass gekauftes Gelee eine Spur besser schmeckt als das selbst gemachte, manche schaffen es nie. Obstbäume brauchen wenig Pflege, es nützt nur selten, sie nicht zu gießen, sie tragen immer wieder, los wird man sie nicht, und um Salzsäure ins Gießwasser zu tun, ist man zu skrupulös.

Vor einigen Jahren bin ich endlich zum Passivbauern geworden. Ich sehe dem Obst beim Werden und Vergehen zu. Ich esse hin und wieder einen Apfel oder eine Pflaume direkt vom Baum und bereite pro Herbst genau ein Quittengericht zu, der Rest des Obstes wird der Natur überlassen, den Insekten, den Vögeln, den sich von Verwesendem nährenden Mikroben. Es riecht gut, wenn Obst verwest, den Dichter Schiller hat dieser Duft beim Dichten inspiriert. Aber nicht mal dazu kann ich das Obst nutzen, mich regt Verwesungsgeruch lediglich zum Trinken einer Spirituose an. Ich helfe Landwirten in fernen Ländern, denn ich kaufe im Winter ihre Äpfel, statt meine, halb verschrumpelt, im Januar aus dem Keller zu holen. Dem Klima schade ich womöglich, aber immerhin habe ich, seit ich das Obst nicht mehr ernten, verschenken oder essen muss, zwei weitere Obstgehölze gepflanzt. Nun aber ist mein Obstgarten tatsächlich zu etwas nütze gewesen, denn er hat mir die Gelegenheit verschafft, ein Lob der Wortwiederholung und der ewigen Wiederkehr des Immergleichen zu schreiben.

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