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Kuhbäuerin: "Als Kind habe ich mit Kühen gekuschelt"

Gibt es Freundschaften unter Kühen? Familiäre Eigenheiten? Sind sie vielleicht schlauer, als man gemeinhin denkt? Und wie flirtet ein Bulle? Ein Gespräch mit der Kuhbäuerin Ruth Maria Frech Interview:
ZEITmagazin Nr. 36/2019

ZEITmagazin: Frau Frech, Sie sind mit Kühen aufgewachsen. Sind die Tiere Ihrer Erfahrung nach schlauer, als man denkt, oder ist an der Beleidigung "dumme Kuh" was dran?

Ruth Maria Frech: Recht intelligent fand ich mal eine Aktion von meiner Kuh Elke: Die sollte mit anderen Kühen auf die Weide. Sie hat alle für mich rausgetrieben und ist dann durch die Absperrung wieder zurück in den Stall, weil sie den Futtertisch für sich alleine haben wollte. Für eine Kuh war das schon genial. Ich habe sie dann nicht mehr rausgetrieben. Wenn eine Kuh einmal kapiert hat, dass sie durch Absperrungen einfach durchlaufen kann, wird sie das immer wieder tun, und dann sind am Ende alle Tiere weg.

ZEITmagazin: Kühe wollen gar nicht alle unbedingt auf die Weide?

Frech: Die meisten mögen die Abwechslung. Wir züchten Fleckvieh, das ist von der Rasse her neugierig. Aber es gibt schon solche, denen ist das Grasen auf der Weide offenbar zu anstrengend, die lieben das All-you-can-eat-Buffet im Stall. Vermutlich denken die sich: Hier geht es mir gut, warum soll ich woanders hin?

ZEITmagazin: Das heißt, Elke hat ihr Leben im Stall verbracht?

Frech: Die war bestimmt irgendwann auch mal draußen, aber sie hat auf viele Weideferien verzichtet.

ZEITmagazin: Hatten Sie schon als Kind eine enge Beziehung zu den Kühen Ihrer Familie?

Frech: Ja. Es kam oft vor, dass mein Vater mir ein neugeborenes Kalb anvertraute, dem es nicht so gut ging. Da bin ich alle zwei Stunden in den Stall und habe ihm Milch gegeben. Als Kind habe ich immer mit den Kühen gekuschelt und tue es heute noch, wenn es mir nicht gut geht.

ZEITmagazin: Wie viele Kühe hatten Sie damals?

Frech: 20, aber als ich geboren wurde, hat mein Vater gerade den neuen Stall gebaut, und so hatten wir bald 50. Mein Vater ist damals vom Nebenerwerb in den Haupterwerb gegangen, weil er die Familie davon ernähren wollte. Und er wollte einen Stall, in dem sich die Kühe bewegen können.

ZEITmagazin: Das Tierwohl war ihm wichtig?

Frech: Ja. Kuhkomfort sagt man. Also alles, was es den Tieren besser gehen lässt. Stroh im Stall oder Ventilatoren im Sommer. In guten Zeiten, wenn der Milchpreis hoch ist, ist es kein Problem, von 50 Kühen in konventioneller Landwirtschaft zu leben. In schlechten Jahren habe ich die Querfinanzierung, also Fotovoltaikanlagen und Wald.

ZEITmagazin: Die Vorstellung, die viele Leute von konventioneller Viehhaltung haben, ist, dass die Tiere ein kurzes, freudloses Leben im Stall fristen.

Frech: Freudlos ist das Leben meiner Kühe nicht, glaube ich, wenn Freude der richtige Ausdruck ist. Und meistens auch nicht kurz. Das würde sich schon wirtschaftlich nicht lohnen: Fleckvieh ist sowohl auf Milch- als auch auf Fleischnutzung ausgerichtet. Allein die Aufzucht kostet mich 1.500 Euro, und dann sollte eine Kuh mindestens drei Kälber bekommen und drei Jahre Milch geben. Erst ab dem Zeitpunkt hat sie, blöd gesagt, ihre Aufzucht bezahlt. Reike, unsere Älteste, ist schon seit elf Jahren auf dem Hof.

Manche ihrer Kühe haben einen starken Menschenbezug, sagt Ruth Maria Frech. Einige wollen sofort gekrault werden, wenn sie die Bäuerin sehen. © Matthias Ziegler für ZEITmagazin

ZEITmagazin: Ist das alt?

Frech: Ja. Selbst wenn man die Kühe mithilfe des Tierarztes möglichst lange am Leben zu halten versucht, werden sie vielleicht 20 Jahre alt. Aber eine, die Rolli, die muss morgen gehen. Sie war fast fünf Jahre auf dem Hof, aber jetzt wird sie nicht mehr brünstig, also paarungsbereit.

ZEITmagazin: Gehen müssen heißt, dass sie zum Schlachthof muss?

Frech: Genau.

ZEITmagazin: Fällt es Ihnen schwer, diese Entscheidung zu treffen?

Frech: Ich habe jetzt ein halbes Jahr gewartet und überlegt. Ich hätte sie auch mithilfe des Tierarztes noch mal brünstig bekommen können. Nur möchte ich Tiere, die das auf natürlichem Wege nicht mehr können, nicht weiter züchten. Dieses Abwägen und Zweifeln ist das Schwierigste daran.

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