Die großen Fragen der Liebe: Muss sie den Hoferben in Ruhe lassen?

Eine Kolumne von
Aus der Serie: Liebeskolumne ZEITmagazin Nr. 36/2019

Die Frage: Erika ist ein Stadtkind und war schockiert, als sie als Lehrerin in eine Dorfschule versetzt wurde. Auf einer Sonnwendfeier lernte sie Max kennen. Sie scherzen über Bauer sucht Frau – aber aus dem Scherz wurde heiterer Ernst. Max hat jetzt auf seinem Hof eine Lehrerin als Bäuerin, Erika hat nicht aufgehört zu unterrichten. Die Großmutter lebt noch auf dem Hof und hütet die Kinder der beiden, Eva-Maria und Tobias. Während Eva-Maria gute Noten schreibt, kann Tobias mit neun Jahren Kühe auf die Weide treiben und seinem Hund Kunststücke beibringen – aber er liest schlecht und soll die dritte Klasse wiederholen. Erika besteht darauf, dass Tobias getestet werden muss; vielleicht hat er eine Legasthenie! Max ist empört: "Du mit deinen Ansprüchen! Das verwächst sich. Tobias kann doch alles, was auf dem Hof wichtig ist!"

Wolfgang Schmidbauer antwortet: Max meint es gut, aber er beschützt Tobias am falschen Ort. Er sollte auf Erika hören. Geschick im Umgang mit Tier und Gerät reicht nicht mehr aus, um einen Hof zu führen. Und in Zukunft werden die Herausforderungen nicht geringer. Es ist wichtig, dass Tobias nicht resigniert. Bei aller Anerkennung für seine Fähigkeiten ist ihm nicht damit gedient, wenn Max seine Schwächen verteidigt. Tobias braucht Unterstützung und Geduld. Max muss ihm helfen, die Zuversicht zu finden, dass er nicht blöd ist, sondern speziell. Manchen Kindern fällt es schwer, Buchstaben zu Wörtern zusammenzusetzen. Mit einer dokumentierten Legasthenie kann Tobias gezielt behandelt werden. Max und Erika sollten auch beantragen, dass seine Rechtschreibfehler nicht zensiert werden, was ihm Demütigungen erspart.

Wolfgang Schmidbauer ist einer der bekanntesten deutschen Paartherapeuten. Zuletzt erschien sein Buch "Die Geheimnisse der Kränkung und das Rätsel des Narzissmus" (Klett-Cotta).

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