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Marco Sehn: "In den meisten Fällen funktioniert das Melken mit dem Roboter gut"

Die Digitalisierung half dem Bauern, weiter von Milchwirtschaft leben zu können. Von
Aus der Serie: Das war meine Rettung ZEITmagazin Nr. 36/2019

ZEITmagazin: Herr Sehn, wie beginnt Ihr Tag?

Marco Sehn: Wir stehen zwischen vier und halb fünf auf. Bevor ich in den Stall gehe, manchmal noch im Bett, schaue ich auf dem Handy nach, wie es meinen Kühen geht.

ZEITmagazin: Was sehen Sie alles schon im Bett auf Ihrem Telefon?

Sehn: Ich habe eine App, dank der ich sehen kann, welche Kuh noch nicht zum Melkroboter gegangen ist, ob eine von ihnen über Nacht gekalbt hat oder ob es einer Kuh nicht gut geht. Ich kann auch direkt live in den Stall schalten. Das Licht im Stall mache ich natürlich vorher an – das geht auch per App.

ZEITmagazin: Hilft Ihnen die Digitalisierung auch in anderen Bereichen der Arbeit?

Sehn: Wenn wir zum Beispiel säen, steuert ein Computer die genaue Saatmenge, das GPS-System übernimmt das Lenken der Maschine: Einmal muss ich das Feld selbst abfahren und einscannen, dann, bei jedem weiteren Mal, erkennt der Rechner den Acker und die Spurlinie wieder.

ZEITmagazin: Spart die Digitalisierung nur Zeit, oder gibt sie Ihnen auch Erkenntnisse, die Sie vorher nicht hatten?

Sehn: Jede unserer 200 Kühe trägt einen Transponder um den Hals, der zählt, wie lang sie wiederkäut, und diese Zahlen direkt in das Programm einspeist. 450 Minuten am Tag sollte eine gesunde Kuh wiederkäuen. Tut sie dies seltener, weiß ich, etwas stimmt nicht mit ihr. Bevor wir die Technik hatten, habe ich manchmal erst nach ein oder zwei Tagen gemerkt, wenn eine Kuh erkrankt war. Heute weiß ich schon, dass eine Kuh krank ist, bevor man es ihr überhaupt anmerkt, und ich kann ihr viel eher helfen. So ist das mit vielem: Ich sehe auch sofort, wenn eine meiner Kühe eine Euterentzündung hat, weil die Milchleistung, die von dem Melkcomputer täglich und nicht wie früher einmal im Monat gemessen wird, auf einmal abfällt. Ich sehe auch, wann meine Kühe Brunstzeit haben. Dann bewegen sie sich nämlich mehr.

ZEITmagazin: Wie lange gibt es Ihren Hof schon?

Sehn: Seit den Dreißigerjahren. Meine Urgroßeltern haben hier schon vor 83 Jahren als Landwirte gelebt. Meine Eltern übernahmen den Hof, als meine Großeltern nicht mehr konnten. Seit 2005 leite ich den Betrieb, zusammen mit meiner Frau und zwei Angestellten. Ab und an helfen meine drei Kinder mit.

ZEITmagazin: Warum haben Sie sich entschieden, Ihren Hof zu modernisieren?

Sehn: Wir hatten vorher zwei Ställe. Einen, in dem schon meine Großeltern ihre Kühe stehen hatten, und einen, den wir vor 25 Jahren gebaut hatten. Der war aber zu klein geworden: Damit sich eine Kuh wohlfühlen kann, braucht sie viel Platz, Licht und Bewegung. Also haben wir vor drei Jahren beschlossen, einen neuen Stall zu bauen. Es war uns wichtig, nicht nur etwas für die Gegenwart zu schaffen, sondern etwas, das wir in Zukunft nutzen können, auch zum Wohle der Tiere, und das Bestand hat, auch wenn unsere Kinder den Hof eines Tages vielleicht übernehmen. Damit wir auch in Zukunft von der Milchwirtschaft leben können, mussten wir modernisieren.

ZEITmagazin: Jetzt müssen Sie nicht mal mehr eigenhändig melken ...

Sehn: Nein, früher mussten wir alle unsere damals 140 Kühe selbst melken, zweimal täglich, 14 Melkmaschinen hatten wir dafür. Wir haben die Melkbecher an die Zitzen angedockt, vorher das Euter gereinigt. Heute gehen unsere Kühe von allein in den Melkroboter, manche auch dreimal am Tag. Wir verbringen trotzdem viel Zeit im Stall bei den Tieren, ob beim Boxenreinigen oder mit anderen Arbeiten. Die Kühe haben weniger Stress, da sie alles freiwillig entscheiden können: wann sie liegen, fressen oder sich eben melken lassen. Dadurch haben wir zehn Prozent mehr Milch als früher, und die Kühe haben weniger Druck auf dem Euter. Nur eine Kuh, die gut versorgt und behandelt wird, kann auch eine gute Leistung bringen. Das ist nicht anders als bei uns Menschen: Wer gerne zur Arbeit geht, wird auch eine bessere Leistung bringen als derjenige, der Stress am Arbeitsplatz hat.

ZEITmagazin: Wie funktioniert so ein Melkroboter?

Sehn: Der Roboter säubert das Euter mit kleinen Rundbürsten, dann docken die Melkbecher des Roboterarms an die Zitzen an. Damit der Roboter weiß, wo bei jeder Kuh die Zitzen sitzen, scannt er bei jedem Melken das Euter ein und speichert die Position für fünf Tage. Nicht jedes Euter ist gleich, und je nachdem, wie lange es her ist, dass die Kuh gekalbt hat, verändert sich das Euter. In den meisten Fällen funktioniert das Melken mit dem Roboter gut, nur manchmal müssen wir mit der Hand nachhelfen.

ZEITmagazin: Sie sind sozusagen ein Bauer 4.0 – welche Reaktionen bekommen Sie auf Ihre Umstellung?

Sehn: Komischerweise stehen vor allem die Jüngeren der Technik kritisch gegenüber, sie wünschen sich die vergangene Zeit zurück, in der die Kuh noch per Hand gemolken wurde. Die Älteren, die noch wissen, wie mühsam die Arbeit früher war, bewundern oft unsere neue Technik. Es gab mal einen älteren Herrn, der wollte sich nur kurz unseren Hof anschauen, er war früher auch Landwirt. Und dann hat er sich einen Stuhl genommen und eine Zeit lang dem Roboter beim Füttern zugeschaut, so toll fand er das.

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