Trachtenmode: Land der Möglichkeiten

© Peter Langer
Aus der Serie: Stilkolumne ZEITmagazin Nr. 36/2019

Die Vorstellungen, die Menschen sich vom Leben auf dem Lande gemacht haben, sind schon öfter Vorbild für die Mode gewesen. Ein Beispiel: In diesen Tagen wird man wieder viele Dirndl-Kleider sehen. Besonders auf dem Oktoberfest in München. Natürlich kommen die allermeisten Dirndl-Trägerinnen nicht aus den ländlichen Regionen, sondern geradewegs vom Flughafen im Erdinger Moos. Viele halten das für einen Kulturbruch, dabei ist es das nicht. Denn das Dirndl ist gar kein traditionelles Landkleid und wurde in Oberbayern auch nicht seit Jahrhunderten getragen. Es ist vielmehr eine Schöpfung der Neuzeit. Im 19. Jahrhundert, als in den Städten das Bürgertum reicher wurde und die Luft in den Städten durch die dampfgetriebenen Manufakturen dicker, wurde der Urlaub auf dem Land modern. Nur wollten die Damen der feinen Gesellschaft mit der passenden Kleidung in die Sommerfrische gehen und ließen sich dafür die entsprechende Garderobe schneidern. Man nahm sich das einfache Arbeitskleid der Mägde zum Vorbild und schneiderte daraus ein festliches Schürzenkleid – das heute noch bekannte Dirndl.

Das Dirndl ist keine Ausnahme: Ländlich inspirierte Mode basiert oft nicht auf jahrhundertealten Traditionen, sondern wurde im 19. Jahrhundert geboren. Die meisten Trachten, die heute gefeiert werden, griffen Motive auf, die man damals modisch fand. So steckten sich die Männer gern Federn exotischer Vögel an den Hut, die in der Heimat gar nicht vorkamen. Die Traditionskleidung des Lebens auf dem Lande ist also eher eine eingefrorene modische Momentaufnahme.

Der Mode ist das egal, sie bedient sich sehr gerne aus dem Trachtenfundus. Karl Lagerfeld hat für Chanel einmal eine ganze Kollektion im Stil der Salzburger Tracht geschaffen. Und auch in den aktuellen Kollektionen von Chanel, Marni und Bottega Veneta sind Hüftketten in der Form von Charivaris zu sehen, also den mit allerlei Talismanen behängten Schmuckketten, die am Latz von Trachtenhosen getragen werden.

Die Mode wendet sich der Tradition immer dann zu, wenn sie sich in der Gegenwart nicht ganz sicher fühlt. Eine Schmuckkette, eine Schürze, ein Janker vermitteln das Gefühl einer langen Verbundenheit mit alten Werten. Man lebt eben nicht im Kopf schon im Morgen, sondern in der vertrauten alten Zeit. Man hält sich an Dinge, die es schon seit Jahrhunderten gibt und die es schon deswegen noch Jahrhunderte geben wird. Auch wenn man ahnt, dass nicht alles, was eine Vergangenheit hat, auch eine Zukunft haben muss. Zumal alles, was wir heute als ländliche Tracht bezeichnen, irgendwann einfach selbst mal nur eine Modeerscheinung war.

Foto: Peter Langer / An die Kette gelegt: Rock mit Charivari von Bottega Veneta

Kommentare

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Nun, das Thema ist vielschichtig. Da Trachten eher Sonntags- und Feiertagsgewänder darstellen, geht es heute sowieso eher um schnelle Mode und schönen Schein.

Dagegen hat das Tragen von zeitlosen Schnitten und Stoffen wenig mit Tradition, viel mit kluger Haushaltsführung, Ökologie und eigenem Komfort zu tun. Ein warmer Wollmantel schlägt jede Funktionskleidung, ein Duffle-Coat ist zeitlos, eine einfache Leidenhose im Sommer unschlagbar. Ein Poloshirt aus gut gekämmter Baumwolle ohne aufregende Muster bleibt zeitlos und bequem.

Das Dirndl von heute aber ist Event- und Modekleidung, weder zeitlos vom Schnitt noch in der Masse gut in der Qualität. Da bestimmt aktuell der Schein das Sein.