Wanderurlaub: "Du musst wie ein Esel denken!"

© Aline Zalko
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Aus der Serie: Prüfers Töchter ZEITmagazin Nr. 36/2019

Ich wollte mit meinen Kindern in den Urlaub fahren. Meine Frau begann einen neuen Job und konnte nicht mitkommen. Ich sah das als Gelegenheit, die Töchter zu einem Wanderurlaub zu motivieren. Allein schon, damit ich ihnen nicht am Strand ständig ein Eis kaufen muss. In den Bergen, dachte ich, gibt es kein Eis. Und keine Kokosnüsse oder sonstigen Kram, den Kinder am Strand unbedingt haben wollen. In den Bergen, dachte ich, gibt es nur die Berge. Die Begeisterung meiner Töchter hielt sich in Grenzen, im Gegensatz zu ihrem Protest gegen eine solche Urlaubsform. Mit schweren Rucksäcken durch die Berge zu stapfen, das war überhaupt nichts, was sich meine Kinder als Urlaub vorstellen konnten. Der Kompromiss, den wir fanden: Eselwandern. Eselwandern bedeutet, dass man Esel an der Leine hinter sich herführt und die Esel das Gepäck tragen. Das fanden die Kinder schon viel sinnvoller. Mit einem Huftier durch die Alpen zu steigen erschien ihnen deutlich attraktiver, als das allein mit dem Vater zu tun.

Mit Eseln hatte ich zuvor noch nie zu tun. Mit Ponys dagegen schon. Ich habe gelernt, dass man als Vater ein völlig anderes Empfinden diesen Tieren gegenüber haben kann als die Kinder. Für mich waren es stets unkooperative, eigensinnige Biester. Für meine Töchter jedoch bewundernswerte Wunschpartner. Das Pony konnte nichts falsch machen, ich hingegen alles. Mir klingen noch Lottas Worte im Ohr, als sie fünf war: "Du musst ihn anders bürsten!", "Du darfst ihn nicht so anfassen!", "Du darfst nicht so mit ihm reden!". Wer sich als Vater nicht vorstellen kann, einmal vom Thron der Anbetung durch seine Kinder gestoßen zu werden: einfach einen Ponyhof besuchen.

Als wir schließlich mit zwei Eseln durch die Schweizer Alpen wanderten, bot sich Lotta besonders gerne als Eselführerin an. Die Tiere folgten ihr im gemächlichen Tempo anstandslos. Einmal wollte einer unserer beiden Esel eine Brücke nicht queren. Ich sagte: "Ich übernehme!", und nahm Lotta die Leine aus der Hand, um das Tier weiterzuzerren. Da nahm der Esel Reißaus, schleifte mich etwas hinter sich her und durchquerte den Fluss dann an einer seichten Stelle. Am anderen Ufer ließ er sich anstandslos von Lotta weiterführen, als sei nichts gewesen. "Versuch doch mal, zu denken wie ein Esel!", sagte Lotta, während ich mir noch die Knie rieb und versuchte, die Schmach zu verbergen. Dass sich Esel führen lassen, ist nicht selbstverständlich, habe ich gehört. Sie entscheiden angeblich in der ersten Minute des Kennenlernens, ob sie ihr Gegenüber für eine Führungsfigur halten oder doch eher für einen Lauch. Wenn man als Lauch gewertet wird, macht der Esel einfach, was er möchte.

Ihre Einschätzung machen Esel nicht etwa an der Körpergröße fest. Ich habe auf unserer Reise Väter gesehen, die viel kräftiger waren als ich und mit aller Macht versuchten, einen Esel zu bewegen, der darauf einfach keine Lust hatte und stehen blieb. Die Familienväter hatten rote Köpfe und fluchten, während das Tier ungerührt Grasbüschel zupfte. Unsere Eselkarawane zog stets still und ruhigen Schrittes an diesen unschönen Szenen vorbei, der nächsten Berghütte entgegen. Vorneweg Lotta, dahinter der Rest der Familie. Die Blicke der gefrusteten Väter brannten mir im Nacken, wie mir die Hände brannte, durch die mir der Esel noch kurz zuvor das Seil gezogen hatte. Ich finde, man muss eben einfach wissen, wann man die Führung an die nächste Generation starker Frauen abgeben sollte. Die Esel wissen das offenbar. Und ich denke ab jetzt auch wie ein Esel.

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