Holzfällerhemd: Mode für Hacker

© Peter Langer
Aus der Serie: Stilkolumne ZEITmagazin Nr. 37/2019

Wenn ein Kleidungsstück einen so ikonischen Namen wie "Holzfällerhemd" hat, geht man sofort davon aus, dass in Wahrheit nie ein Holzfäller solch ein Teil getragen hat. Dabei stammt das Holzfällerhemd tatsächlich aus Kanada. Land- und Waldarbeiter trugen es Anfang des 20. Jahrhunderts, da es durch den Flanellstoff sehr robust war und auch warm. In Kanada musste man die Bäume nämlich im Winter fällen, wenn der Boden gefroren war, damit sie nicht im Morast versackten. Berühmt wurde das Hemd allerdings nicht wegen seiner Eigenschaften beim Waldeinsatz, sondern weil es zur Uniform fast jeder Gegenkultur wurde, die in den vergangenen 50 Jahren zu beobachten war: Die Punks interpretierten in den Siebzigerjahren das Holzfällerhemd für sich neu. Sie zerschnitten es und flickten es mit Sicherheitsnadeln wieder zusammen. Fast gleichzeitig fingen auch die Skinheads, die zum Teil mit den Punks verfeindet waren, an, das groß karierte Hemd zu tragen.

In den Neunzigerjahren, in der Zeit des Grunge, wurde das Holzfällerhemd zum Pflichtkleidungsstück der Establishment-Verweigerer. Am überzeugendsten führte das Curt Cobain vor, der Sänger von Nirvana. Skater in den beginnenden Nullerjahren trugen das Holzfällerhemd offen über dem T-Shirt. Es war praktisch für sie, da es bei Stürzen aufgrund des robusten Materials nicht gleich kaputt ging. In den vergangenen Jahren war das Karohemd so häufig an den urbanen Hipstern zu sehen wie die Hornbrille.

Nun ist es eigentlich für Subkulturen essenziell, sich optisch von der Norm abzugrenzen. Warum entdeckten sie alle immer wieder das Holzfällerhemd für sich? Vielleicht weil dieses Hemd nie in Verdacht stand, von Menschen getragen zu werden, die sich der Elite zugehörig fühlen. Wenn das Holzfällerhemd zum Einsatz kam, war man immer aufseiten der kleinen Leute, der ehrlichen Arbeiter, derer, die im Schweiße ihres Angesichts schufteten.

Jedenfalls bis heute. Denn nun finden wir das Karomuster des Holzfällerhemds in der Luxusmode. Wir sehen große Karos in Blautönen bei APC. Oder auf Lammfelljacken bei Coach. Denim-Marken wie R13 bauen ihre ganze Identität auf dem Holzfäller-Look auf. Jahrzehntelang hat das Holzfällerhemd für Opposition gegen das Establishment gestanden. Nun ist es selbst Accessoire. Es hat nun zu viele Freunde, um zur Abgrenzung gegen irgendjemanden zu taugen. Wer heute ein groß kariertes Hemd trägt, kann Fan der Sex Pistols, von Nirvana oder der Band Endstufe sein – oder einfach sehr modebewusst. Auf den Ursprung dieses Hemdes beruft sich übrigens niemand. Holzfäller sind heute unbeliebt wie nie, weil sie Bäume umhauen, statt sie zu pflanzen.

Foto: Peter Langer / Zum Bäume ausreißen: Overcoat im Holzfäller-Look von Woolrich

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