© Thomas Chéné

Pierpaolo Piccioli: Der Unabhängige

ZEITmagazin Nr. 37/2019
Unter Pierpaolo Piccioli blühte das traditionsreiche Modehaus Valentino wieder auf. Der Chefdesigner ist mittlerweile so etwas wie der Anführer der Haute Couture. Was zeichnet diesen Mann aus, der wirkt wie ein Surfer, der sich auf der Suche nach dem Strand in die Chefetage einer Luxusmarke verlaufen hat? Von

Der Raum ist so groß wie ein Ballsaal. Auf zwei wuchtigen Tischen aus rotem Marmor stehen riesige weiße Blumensträuße, die Decke ist mindestens fünf Meter hoch und mit Kassettenornamenten verziert, die Wände mit Renaissancefresken. Durch hohe Fenster schaut man auf die in der Abendsonne glitzernde Piazza Mignanelli, gleich nebenan liegt die Spanische Treppe.

Pierpaolo Piccioli, der 52-jährige Chefdesigner des Modehauses Valentino, scheint nicht so recht in diesen einschüchternden Raum im ersten Stock des Palazzo Gabrielli-Mignanelli in Rom zu passen. Hier erwartet man jemanden mit statusbewusstem Gestus, Piccioli aber spricht leise und fragt höflich, ob man etwas dagegen habe, wenn er eine Zigarette rauche. Er ist eine Stunde später als vereinbart zum Termin erschienen, das tue ihm leid, sagt er, es sei nur jetzt vor den Sommerferien so viel zu tun. Er verlasse abends erst um zehn Uhr das Atelier. Aber dafür könne er dann den ganzen August im Urlaub mit seiner Familie verbringen. Piccioli hat verschmitzte dunkle Augen, sein Gesicht ist gebräunt, sein grauer Bart stoppelig. An diesem Tag trägt er eine luftige Hose und schwarze Stoffturnschuhe, aus dem Ausschnitt seines weiten Hemdes blitzt eine Kette aus Korallen hervor. Er sieht aus wie ein Surfer, der sich auf der Suche nach dem Strand in die Chefetage einer Luxusmarke verlaufen hat.

Ein Look aus der aktuellen Valentino-Kollektion © Thomas Chéné

Aber dieser Mann gibt in der Mode gerade den Ton an. Im vergangenen Dezember wurde Pierpaolo Piccioli beim wichtigsten Preis der Branche, den British Fashion Awards, als Designer des Jahres ausgezeichnet; die einflussreiche Fachzeitschrift Women’s Wear Daily schrieb im Juli, nach Karl Lagerfelds Tod sei er nun "der unangefochtene Anführer der Haute Couture". Das Büro, in dem Piccioli heute sitzt, ist der Ort einer langen Erfolgsgeschichte: Bis 2007 residierte hier Giancarlo Giammetti, der langjährige Geschäftsführer der 1962 gegründeten Marke Valentino, der zwischenzeitlich auch Lebenspartner ihres Gründers und kreativen Kopfes, Valentino Garavani, war. Bis zu Garavanis Rückzug waren es diese beiden Männer, die das Haus prägten: Giammetti mit seiner respekteinflößenden Art (langjährige Mitarbeiter haben heute immer noch Angst vor ihm) und Garavani, der heute 87-jährige Stardesigner mit dem knallbraunen Gesicht und der Jacht, die stets auf eisige Temperaturen heruntergekühlt sein muss, weil er Schweiß hasst. Das Haus Valentino stand damals für theatralische Attitüden und rosenrote Prinzessinnenkleider, in denen Frauen in Schlössern und auf Filmpremieren herumschweben konnten, dabei zuletzt aber nicht mehr sonderlich interessant aussahen.

Erst unter Piccioli, der den Chefdesignerposten im Jahr 2008 zunächst gemeinsam mit seiner langjährigen Kollegin Maria Grazia Chiuri übernahm und ihn seit 2016, als Chiuri zu Dior ging, allein besetzt, ist das Haus Valentino wieder richtig aufgeblüht. Was seine Entwürfe auszeichnet, ist so simpel wie überraschend: märchenhafte Schönheit, die Frauen nicht zerbrechlich, sondern stark und selbstbewusst erscheinen lässt. Dafür sorgen die kühnen Farbkombinationen – Minzgrün trifft auf Ockergelb, Altrosa auf Korallenrot – und die raumeinnehmenden Silhouetten: aufgeplusterte Ärmel, übereinandergeschichtete Volants, ein Kleid wie eine riesige Wolke in Pink, ein raschelndes Cape in Pastelltürkis, getragen wie ein lässig heruntergerutschter Umhang. Wenn die Valentino-Frau bei Garavani eine Prinzessin war, dann ist sie bei Piccioli eine Königin: Betritt sie einen Raum, möchte man ehrfürchtig Platz machen. Ihre Eleganz hat aber auch etwas Lässiges, sie wirkt nicht mühsam übergestülpt. Pierpaolo Picciolis Kleider sind wie die Stadt, in der sie gemacht werden. "Wenn Sie durch Rom laufen", sagt er und zeigt hinaus auf die Piazza, "sind Sie überall von so großartiger Architektur umgeben, dass Sie eigentlich gar nicht weiter darauf achten müssen. Diese Schönheit hat etwas sehr Beiläufiges. Am Ende bemerkt man sie gar nicht mehr, sie ist einfach da."

Ein Foto von Pierpaolo Piccioli in seinem zweiten Büro in Paris © Thomas Chéné

Vielleicht pflegt Piccioli einen so poetischen Blick auf die Stadt, weil er selbst nicht von ihr verwöhnt wurde. Er wuchs in Nettuno auf, einem kleinen Fischerort südlich von Rom. Sein Vater war Büroangestellter, seine Mutter führte einen Tabakladen. Als Kind war die Mode weit weg von Piccioli: Rom war weit weg, Paris sowieso. Er interessierte sich für das italienische Kino, vor allem die Filme Die mit der Liebe spielen , Die Nacht und Liebe 1962 des Regisseurs Michelangelo Antonioni, die von zwischenmenschlicher Entfremdung und Anziehung erzählen. "Es geht in diesen Filmen um Menschen, ihre Gefühle und ihre Beziehungen zueinander, weniger um eine Handlung", sagt Piccioli. "Die Ästhetik ist Teil dieser Botschaft. Das mag ich bei Antonioni. Man versteht die Emotionen durch die Bilder und Einstellungen des Films, man muss dazu gar nicht die Dialoge hören." Über das Kino entdeckte er auch die Fotografie für sich, etwa die Bilder des großen britischen Modefotografen Cecil Beaton. Sie führten ihn schließlich ganz zur Mode. Piccioli sagt: "Die Mode nutzt eine andere Sprache als das Kino oder die Fotografie, aber auch sie erzählt Geschichten: über Menschen, Gefühle, Beziehungen. Das gefällt mir. Ich mag Kleider nicht, weil sie Kleider sind. Ich mag, dass man mit ihnen etwas aussagen kann."

Es überrascht, wenn ein Modedesigner so spricht. Aber es passt zu Piccioli, der die Modewelt mit ihren Dramen und Attitüden insgesamt eher aus amüsierter Distanz zu beobachten scheint. Mit seiner Frau, mit der er seit 26 Jahren verheiratet ist, und dem jüngsten der drei Kinder lebt er seit einiger Zeit wieder in Nettuno. Jeden Morgen nimmt er den Zug ins eine Stunde entfernte Rom. Seinen Hund hat er Miranda genannt, nach der fiesen Modemagazinchefin Miranda Priestley in dem Film Der Teufel trägt Prada, der die Branche in nicht gerade schmeichelhaftem Licht porträtiert. Auf einem Bücherregal in seinem Büro lehnt, in einen bonbonrosa Bilderrahmen eingefasst, ein Leserbrief an die amerikanische InStyle , in dem sich eine Dame darüber echauffiert, was der Zeitschrift einfalle, mitten im Sommer ein knöchellanges, langärmeliges, pinkfarbenes Kleid mit kniehohen Lederstiefeln vorzustellen – der Look stammte von Piccioli. Den Brief schenkte ihm seine gute Freundin Laura Brown, Chefredakteurin des Magazins. Andere Designer wären gekränkt gewesen – bei Piccioli prangt der Brief wie eine Trophäe an der Wand. "Wissen Sie", sagt Piccioli, "ich habe nie geglaubt, dass ich das alles hier einmal haben würde. Und das hat mir, glaube ich, eine gewisse Freiheit gegeben. Die versuche ich mir zu bewahren. Jetzt, wo mein Platz in dieser Welt sicher ist, möchte ich nicht weniger experimentell arbeiten oder weniger meinem Bauchgefühl folgen."

Natürlich ist Piccioli als Kreativchef von Valentino im innersten Kreis der Mode angekommen. Aber wenn man ihn in diesem Kreis beobachtet, etwa bei seiner letzten Haute-Couture-Show, nach der er lachend und bei seinen Schneiderinnen untergehakt durch ein Spalier aus jubelnden Gästen lief, oder sich auf Instagram die heiteren Videos anschaut, die er bei der Mode-Gala des New Yorker Metropolitan Museum of Art von sich und seinen Begleiterinnen Joan Collins und Naomi Campbell aufnahm, bekommt man irgendwie den Eindruck, als nehme er das alles gar nicht so ernst. "Pierpaolo versteht die Albernheit der Mode ebenso sehr, wie er die Mode liebt", sagt Laura Brown, die InStyle -Chefin. "Er war nie abhängig von der Bestätigung der Modewelt, und das macht ihn irgendwie cool. Er ist nicht der Typ, der in einen Nachtclub geht und sich Sorgen macht, ob er die richtige Jacke anhat." Umso größer seien seine Leidenschaft für und sein Stolz auf seine Arbeit. "Wenn ich Pierpaolo vor einer Show besuche, um einen ersten Blick auf die Kollektion zu werfen, sagt er immer, 'Laura, es ist alles so toll geworden'", erzählt sie. "Und dabei klingt er nicht angeberisch. Er weiß einfach, wenn ihm etwas gelungen ist." Diese Hingabe, diesen Enthusiasmus und diese Freude an der Sache spürten die Leute. Das mache Pierpaolo Piccioli so erfolgreich.

Das Model trägt ein Kleid mit aufgedrucktem Vers des Dichters Mustafa The Poet. Es stammt aus der aktuellen Herbst/Winter-Kollektion von Valentino. © Thomas Chéné

In diesem Punkt ähnelt er tatsächlich Karl Lagerfeld, für den er früher gearbeitet hat: Nach seinem Literatur- und Modestudium in Rom und einer Station bei dem italienischen Designer Brunello Cucinelli kam Piccioli 1989 ins Team von Fendi, wo Lagerfeld damals bereits Chefdesigner war. Neben Yves Saint Laurent war Karl Lagerfeld der größte Modeschöpfer seiner Generation. Aber anders als dem depressiven Kettenraucher Saint Laurent und vielen anderen Kollegen, die die Sucht nach Anerkennung mit der Zeit drogenabhängig, alkoholkrank, divenhaft oder alles gleichzeitig machte, gelang es Lagerfeld, sich den zerstörerischen Kräften der Modewelt zu entziehen. Lieber spielte er mit ihr, verdammte heute die Jogginghose, um ihr morgen eine ganze Kollektion zu widmen, faszinierte mit seiner Schlagfertigkeit und beschäftigte sich nebenher mit unzähligen anderen Dingen: Büchern, Politik, seiner Katze. Lagerfeld hat die Mode geliebt, sich ihr aber nie geopfert. Und er hat nie nostalgisch auf sie zurückgeblickt. "Er suchte immer nach dem Neuen", erinnert sich Pierpaolo Piccioli. "Er wollte nie auf sicherem Boden bleiben."

Es ist diese Perspektive, die auch ihm, Piccioli, ein besonderes Gespür verleiht für das, was die Menschen gerade wirklich bewegt. Für seine aktuelle Prêt-à-Porter-Kollektion hat er Collagen aus Schmetterlingen, Rosen und innig umschlungenen Marmorfiguren auf Wollmäntel sticken lassen. Inspiriert von der "Bewegung für die Emanzipation der Poesie", einer Vereinigung anonymer Poeten, die in Italien Gedichte auf Hausfassaden und Brückenpfeiler klebt, prangt auf dem Volantsaum eines schwarzen Minikleids ein Vers des Songwriters Mustafa The Poet: Kiss me in this light while it still lasts. Zeilen aus Liebesgedichten finden sich auch in Mantelfuttern und auf den Ärmeln bodenlanger Tüllroben. "Ich habe den Eindruck, dass die Leute gerade nach etwas suchen, das sie wirklich berührt", erklärt Piccioli diesen Stoff gewordenen Gefühlsausbruch.

Seit 2016 ist Pierpaolo Piccioli alleiniger Chefdesigner des 1962 gegründeten Hauses – und prägt den Valentino-Stil mit knalligen Farben und ausladenden Silhouetten neu. © Thomas Chéné

Jahrelang haben die Modedesigner, angeführt von Demna Gvasalia bei Vetements und Virgil Abloh bei Off-White, versucht, mit immer sportlicher werdenden Kollektionen in den Alltag ihrer Kundinnen vorzudringen. Sie entwarfen übergroße Schlabberpullis, T-Shirts mit "DHL"-Aufdruck und Röcke mit ausgefransten Säumen zu Luxuspreisen. Kleidung, die irre exklusiv, gleichzeitig aber auch zum U-Bahnfahren geeignet sein sollte. Was diese Designer in ihrem Bestreben, die Luxusmode alltagstauglich zu machen, aber übersahen, war, dass die meisten Frauen gar keinen Sinn darin sehen, teure Kleider zu kaufen, um darin ihren täglichen Terminmarathon zu bestreiten. Im Gegenteil: Wenn sie sich ein besonderes Kleidungsstück kaufen, dann, um damit dem Alltag zu entfliehen: um darin einen Abend in einem schönen Restaurant zu verbringen, einen Geburtstag zu feiern, zu heiraten. Pierpaolo Piccioli hat das verstanden. Seine Kleider sind nicht cool. Sie sind gemacht für jene besonderen, erhebenden Momente, die einen daran erinnern, dass das Leben aus mehr als Stress und schlechten Nachrichten besteht.

Und so passt ausgerechnet er, der Kino-Fan aus dem kleinen Fischerort, doch sehr gut in das herrschaftliche Büro an der römischen Piazza – wie er da spitzbübisch lächelnd im Sessel sitzt, zwischen den Marmortischen und Blumensträußen und Renaissancefresken, und sich auf den Sommerurlaub mit seiner Familie freut. Die Pracht um ihn herum wird Pierpaolo Piccioli so schnell nicht langweilen. Er weiß, wie kostbar sie ist.

Kommentare

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"Er war nie abhängig von der Bestätigung der Modewelt, und das macht ihn irgendwie cool."

Alle KünstlerInnen, die ihre Kunst und damit sich selbst dem Urteil der Öffentlichkeit aussetzen, sind abhängig von der Bestätigung durch ihr Publikum und dies umso mehr, je abhängige sie auch ökonomisch sind.

Zwei Collectionen ohne Bestätigung durch die Modewelt und entsprechend geringe Verkäufe, was ich Signore Piccioli natürlich nicht wünsche! und er wird vermutlich diese Abhängigkeit deutlich spüren.