Teddy Quinlivan: "Ich habe einen hohen Preis dafür gezahlt, dass ich den Mund aufgemacht habe"

© Andrea Grambow & Joscha Kirchknopf
Aus der Serie: Ich habe einen Traum ZEITmagazin Nr. 37/2019

Viele meiner Träume fühlen sich so echt an, dass sie mir Angst machen – vor allem in stressigen Phasen, wenn ich schon die Realität als so intensiv empfinde, dass ich sie am liebsten ausblenden würde. Deshalb versuche ich nach Möglichkeit, nicht zu träumen. Natürlich gelingt mir das nicht immer.

Es gibt einen Traum, den ich immer wieder hatte, seitdem ich 16 war. Damals arbeitete ich in der Schule an einem Projekt zum Thema Tollwut. Offenbar hatte ich mich damit so intensiv auseinandergesetzt, dass sich Ängste in mir verfestigten, die eigentlich keinen Sinn ergeben.

In meinem Traum befinde ich mich in einer Hütte mitten im Wald. Ich steige die Treppe hinauf zum Dachboden. Als ich oben ankomme, werde ich von einer Fledermaus attackiert und gebissen. Ich weiß, dass ich dringend Hilfe brauche. Deshalb renne ich hinaus und irre durch den Wald. Doch ich kann weit und breit kein Krankenhaus finden. Mein Tod ist unausweichlich.

Manchmal wache ich nach diesem Traum mit Herzrasen auf und kann kaum atmen. Die Details sind beängstigend realistisch: das Knarzen der Holzdielen, der Geruch auf dem Dachboden. Manchmal frage ich mich, ob das wirklich nur ein Traum war. Sollte ich vorsichtshalber zum Arzt gehen? Meine größte Befürchtung ist, dass ich eines Tages tatsächlich von einer Fledermaus gebissen werde und das dann nur für einen Traum halte.

Besonders häufig hatte ich diesen Traum mit 21. Ich lebte damals in Paris und hatte einen Freund, den ich sehr liebte. Aber ich befand mich an einem Punkt in meinem Leben, an dem ich mich ausprobieren wollte. Ich wollte auf Partys gehen, mit anderen Menschen schlafen und mich ansonsten auf meinen Job konzentrieren. Meinem Freund gegenüber fühlte ich mich deshalb schuldig. Er war der perfekte Mann, und wir führten die perfekte Beziehung – nur leider zum falschen Zeitpunkt.

Ich habe nie davon geträumt, mich für bestimmte Dinge zu engagieren. Doch wenn einem etwas wichtig ist, dann muss man seine Stimme dafür erheben. Insofern lag es nahe, dass ich mich für die Rechte von Transgender-Menschen einsetze, denn ich bin selbst transgender. Auch beim Thema sexuelle Belästigung konnte ich nicht schweigen. In meinem Job bin ich selbst davon betroffen gewesen.

Das Schlimme daran war, dass ich von Menschen belästigt wurde, zu denen ich bis dahin aufgeblickt hatte. Ich dachte mir: Würde mich mein Arzt so anfassen, wie es diese Leute getan hatten, dann hätte ich sofort die Polizei gerufen. Deshalb sprach ich öffentlich über meine Erlebnisse.

Und ich hoffte auf Unterstützung. Doch es meldete sich nur ein Mädchen, das die gleichen Erfahrungen gemacht hatte. Obwohl ich Beweise und Zeugenaussagen hatte, unterstellte man mir, bloß Aufmerksamkeit zu suchen. Hätte ich geschwiegen, wäre ich vielleicht häufiger für Modeschauen oder Fotoshootings gebucht worden. Ich habe einen hohen Preis dafür gezahlt, dass ich den Mund aufgemacht habe. Trotzdem würde ich das jederzeit wieder tun. Wenn ich nicht für meine Rechte kämpfe, wer wird es sonst tun?

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