Wohngemeinschaften: "Papa, wirst du alt?"

© Aline Zalko
Von
Aus der Serie: Prüfers Töchter ZEITmagazin Nr. 37/2019

Luna wohnt in einer WG. Ich habe auch einmal in einer WG gewohnt, als ich eine Ausbildung in München machte. Und München war damals schon so teuer, dass es unmöglich war, Wohnraum zu finden, der menschenwürdig und bezahlbar war. Wohnungsnot holt das Schlechteste aus den Menschen heraus, die daran verdienen. In meiner WG war der Hauptmieter ein Luft- und Raumfahrt-Ingenieur, der AfD-Anhänger war, nur dass es eben noch keine AfD gab. Außerdem briet er jeden Tag Leberkäse. Ich suchte schnell einen Nachmieter, dem ich nichts von Hitler und Leberkäse erzählte (ich sage ja, der Mietmarkt holt das Schlechteste aus den Menschen heraus). Danach mied ich WGs.

Luna hingegen mag ihre Wohngemeinschaft. Es gibt Tage, an denen gemeinsam gekocht wird. Sie hat wirkliche Freunde gefunden. Ich bin regelmäßig dort. Vieles ist wie in anderen WGs: Jeder hat im Kühlschrank sein eigenes Fach, manche Fächer sind überfüllt, andere fast leer, und irgendwo verdirbt gerade etwas. Es ist immer zu wenig Geschirr da, und der Müll quillt über, weil jeder der Meinung ist, jetzt wäre endlich mal jemand anderes dran mit Raustragen. In Lunas WG gibt es zwei Bäder, eines für die Männer, eines für die Frauen. Das kam mir etwas streng geregelt vor. Als ich zuletzt zu Besuch war, musste ich auf die Toilette und wollte natürlich das Bad für Männer benutzen. "Das würde ich an deiner Stelle nicht tun", sagte Luna. Als ich die Toilette sah, verstand ich, warum. Ich hatte ganz vergessen, wie ungezwungen junge Männer mit dem Thema Hygiene umgehen können.

Einmal fragte ich meine Tochter, wie sie das aushalte: all das zusammengewürfelte Zeug als Möblierung, die Unordnung ... "Papa, wirst du alt?", fragte Luna zurück. Natürlich hätte sie es auch gerne geordneter. "Ich halte das aber ganz gut aus." Mit einem Mal kam ich mir tatsächlich alt vor. Weit entfernt von der Zeit, als man zwischen Chaos leben konnte, weil die eigenen Gedanken und Träume so hell leuchteten, dass sie alles überstrahlten. Wann fing das an, dass alles eine Ordnung haben muss? Heute rege ich mich schon auf, wenn die Handtücher im Bad auf dem Boden liegen. Luna sagt, dass es auch für sie nicht immer einfach sei. Sie höre manchmal die Hausklingel nicht, weil sie Stöpsel in den Ohren habe. Ich frage sie, warum sie Ohrenstöpsel brauche. Luna sagt, es gebe einfach zu viel, was man gar nicht hören wolle. In einer Wohnung mit dünnen Wänden nehme man ja ständig am Leben anderer teil, auch nachts. Manchmal entscheide jemand um vier Uhr morgens, dass es ein guter Zeitpunkt für ein Vollbad sei, welches er dann laut rauschend einlasse. Die Mitbewohnerin möge es, sich nachts um drei noch etwas zu kochen. Und ständig laufe Musik. "Manchmal habe ich das Gefühl, hier einen Haufen Kinder zu haben", sagt Luna. Während ich Luna zuhörte, dachte ich daran, was für ein netter Ort so eine WG sein kann. Schon halb im Ernst des Lebens und trotzdem noch verspielt. Später wird man nicht mehr nachts baden. Und Ohrstöpsel nimmt man vielleicht, weil der Ehepartner schnarcht.

Als ich nach Hause komme, wo meine Frau und die drei anderen Töchter wohnen, hat Juli gerade ihren Papierkorb auf den Boden geleert. Greta singt im Bad laut Popsongs. Und Lotta brät sich in der Küche Pfannkuchen, obwohl ich gesagt hatte, dass es gleich Abendessen gebe. Vielleicht wohne ich ja doch in einer WG, denke ich, und habe es nur die ganze Zeit nicht gemerkt.

Kommentare

7 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren