Einschulung: "Über die Schule spreche ich nicht"

© Aline Zalko
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Aus der Serie: Prüfers Töchter ZEITmagazin Nr. 38/2019

Juli ist nun eingeschult worden. Für uns Eltern war das ein besonderer Moment. Wenn das jüngste Kind die Leiter des Größerwerdens hochsteigt, erkennt man, dass man selbst nun viele Sachen zum letzten Mal macht. Das letzte Mal Abschied von der Kita. Das letzte Mal sitzt man mit einem sechsjährigen Mädchen in der Aula einer Grundschule, um den Einschulungsakt zu begehen. Ich zog Vergleiche zu den Einschulungen unserer anderen Kinder. Ich hatte den Eindruck, dass die Schultüten wieder etwas schmaler geworden waren. Bei Lottas Einschulung waren sie fast so groß gewesen wie das dazugehörende Kind und waren gefüllt mit Süßzeug und Spielkram, oft war ganz oben noch ein Plüschtier aufgebunden. Nun waren die Tüten wieder bescheidener. Vielleicht ein Frühindikator der drohenden Rezession.

Einschulungen finden in unserer Stadt am Samstag statt, damit Eltern und Verwandte daran teilnehmen können. Es gibt eine richtige Feier mit Bühnenprogramm und Sektempfang in der Schule. Das finde ich übrigens herausragend in Deutschland. Hier wird der Schulbeginn als große Feier begonnen. Eine große Sache für das Kind, ein neuer Lebensabschnitt.

Man könnte meinen, dass Einschulungen für Eltern wie uns Routine sind, aber so ist das nicht. Die ganze Zeit musste ich mit den Tränen der Rührung kämpfen, so wie alle Eltern im Raum.

Juli saß mit ihrem Schulranzen neben den anderen Neuschülern und versuchte, sich einen Reim auf all die Tänze und Sketche zu machen, die die Kinder der vierten Klasse dort auf der Bühne aufführten. Schließlich wurden die Kinder ihrer Klasse der Reihe nach aufgerufen, und Juli erklomm die Stufen der Bühne und gesellte sich zu ihrer Klassenlehrerin, als ob dies das Selbstverständlichste der Welt wäre. Wir hatten uns davor natürlich immer wieder über die Schule unterhalten. Juli hat sich nämlich durchaus informiert. Warum man eigentlich in die Schule geht. Meine Antwort, dass man dort tolle Sachen lernt, lesen und schreiben, und dass dort überhaupt alle Menschen lesen gelernt haben, sogar Mama und Papa, fand sie offenbar hinreichend. Nun geht Juli eben in die Schule. Ich würde gerne etwas dazu sagen, was Juli in der Schule alles so macht und wie sie es findet. Leider äußert sich Juli nicht dazu. "Über die Schule spreche ich nicht", antwortet sie bestimmt, wenn man sie fragt. Es ist wohl so, dass es nun einen Bereich in ihrem Leben gibt, der mich nichts angeht. Sie ist nun groß.

In die Schultüte hatten wir natürlich kaum Süßigkeiten und Spielzeug gepackt, dafür allerlei vernünftige Sachen, Malstifte etwa oder auch eine Schablone, mit der man Buchstaben nachzeichnen kann. Ich glaube, die Schablone hat es Juli am meisten angetan. Sie hat sich bei ihren Geschwistern informiert, wie man etwas ganz Bestimmtes schreiben würde. Dann setzte sie sich mit dem von den Schwestern vorgekritzelten Zettel an ihren neu eingerichteten Schreibtisch und übertrug die Buchstaben sorgfältig einzeln mit ihren neuen Stiften und der Schablone auf ein Blatt Papier. Das Blatt nahm sie und klebte es mit einem Tesastreifen außen an ihre Zimmertür. In bunten Lettern prangt dort nun "BITTE KLOPFEN!". Das Kind hat verstanden, wozu schreiben gut ist. Ich hatte die Botschaft wohl vernommen, aber noch nicht verinnerlicht. Als ich kurz darauf einfach so in ihr Zimmer kam, saß Juli am Schreibtisch, blickte auf und sagte: "Ich dachte, du kannst schon lesen?"

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