Harald Martenstein: Über die Gaudi, die ein Feuilletonist beim Oktoberfest hat, und was davon übrig bleibt

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Aus der Serie: Martenstein

Als ich in München lebte, musste ich zum Oktoberfest gehen. Es gab keine offizielle Verpflichtung in meinem Arbeitsvertrag. Aber der Chefredakteur sah es extrem ungern, wenn einer seiner Redakteure sich dem Oktoberfest entzog, für Ressortleiter galt dies erst recht. Ich will immer einer von den nice guys sein. Aber was der Leiter eines Feuilletons auf einem Oktoberfest ausrichten soll, habe ich bis heute nicht begriffen. Feuilletonchefs sind seit je Weintrinker, und Oktoberfestbesucher haben keine Lust auf Gespräche über Literatur.

Das Bier, welches auf Volksfesten ausgeschenkt wird, ist relativ dünn. Sie müssen es heimlich mit Wasser strecken, das kann ich leider nicht beweisen, aber anders ist die Menge an Bier, die dort die Kehlen hinabrinnt, einfach nicht zu erklären. Normalerweise stirbt man, wenn man in kurzer Zeit so viel Bier trinkt. In dem Zelt spielte eine Blaskapelle, meiner Meinung nach war es immer dasselbe Lied mit minimalen Variationen. Im Zelt war es so laut, dass man sich nur brüllend unterhalten konnte, den Leuten schien das Spaß zu machen. So ein Volksfest ist jedenfalls eine Gelegenheit, nervtötende Bekannte und ungeliebte Kollegen anzubrüllen, ohne Sanktionen befürchten zu müssen.

Wenn man in einen Körper von oben große Flüssigkeitsmengen einfüllt, dann drängt diese Flüssigkeit irgendwann zum unteren Ausgang, Mutter Natur will es so. Die Schlangen an den Toiletten erinnerten mich, weil ich mal Geschichte studiert habe, an Fotos vom Schwarzen Freitag, 1929, als Zigtausende Kleinanleger die Banken stürmten, um ihr Geld zu retten. Die Gesichter hatten auch den gleichen verzweifelten Ausdruck wie 1929. Viele Männer erleichterten sich im Freien, erstaunlich unbefangen. Wer eine nagelneue und folglich brettharte Lederhose anhatte, und das waren nicht wenige, kämpfte mit den Knöpfen, die den Latz seiner Lederhose fast so sicher wie einen Safe verschlossen. Nicht alle Kämpfe endeten siegreich. Rund um die Toiletten erstreckte sich eine weitläufige Sumpflandschaft, aus der Dämpfe emporstiegen. Warum man diese unglaubliche Menge an warmer Biomasse nicht ökologisch nutzt, etwa zum Erhitzen der Weißwürste, verstehe ich auch nicht. Da gäbe es sicher eine hygienisch akzeptable Lösung, mit Rohren oder so.

Auf dem Rummel lassen sich Menschen festschnallen und im Kreis herumschleudern, oder sie stürzen zehn Meter in die Tiefe, sie kriegen Angst, kreischen und bezahlen dafür Geld. Wenn man aber droht, ihnen mit einem Bierseidel das Nasenbein zu brechen, was ja auch Angst macht, und wenn man dann sagt, das war nur zu deiner Gaudi, weigern sie sich, auch nur den kleinsten Obolus zu entrichten. Sie stehen an Glaskästen und versuchen, mit einem Greifarm hässliche Stofftiere aus chinesischer Billigproduktion zu fassen. Dafür geben sie einen Betrag aus, für den sie das Stofftier niemals gekauft hätten. Wenn aber am Getränkeautomaten in der Firma ein Greifarm montiert wird, nur damit sie Spaß haben, rennen sie zum Betriebsrat.

Am späteren Abend erbrechen sich einige Bierzeltbesucher in sämtlichen Farben des Regenbogens. Danach rufen sie gurgelnd "G’sund samma" und "Mein letztes Bier war schlecht". In den folgenden Stunden bestellen sie zur Sicherheit nur noch Obstler. Auf diesen Volksfesten herrscht eine zivilisatorische Ausnahmesituation, die sich nur ertragen lässt, wenn man auf den Bänken Schuhplattler tanzt, was ich angeblich gegen Ende meines Oktoberfestbesuches getan habe. Zum Glück besitze ich keine Erinnerung daran.

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