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Ludwig Trepte: "Beim Fliegen ist es ganz ähnlich: Alles relativiert sich"

Vater zu werden half dem Schauspieler, mehr Ruhe in sein Leben zu bringen. Interview:
Aus der Serie: Das war meine Rettung ZEITmagazin Nr. 38/2019

ZEITmagazin: Herr Trepte, waren Sie ein guter Schüler?

Ludwig Trepte: Nein. Ich war nicht dumm, aber ich habe mich gelangweilt. Langeweile ist in der Schule das Schlimmste. Mein Vater musste da viel ausbaden, weil ich ein Flegel war. Ich habe aus Desinteresse am Stoff das Klassenzimmer zur Bühne erklärt. Und ich suchte die direkte Konfrontation.

ZEITmagazin: Wie sah das aus?

Trepte: Ich habe mich richtig gestritten mit den Lehrern. Ich hatte damals schon viel gelesen, Brecht, Schiller, und ich dachte, das, was ihr mir hier vorsetzt, brauche ich nicht. Eine Lehrerin ist meinetwegen einmal weinend aus dem Klassenzimmer gegangen. Heute denke ich, das war taktlos von mir. Aber ich habe mich nach etwas gesehnt, das mich interessiert. Aus Langeweile habe ich damals Kameras und Storyboards in die Hefte gekritzelt.

ZEITmagazin: Sie haben schon mit 13, in der 7. Klasse, angefangen zu drehen.

Trepte: Ja, da war ich gerade aufs Gymnasium gekommen und habe das Probehalbjahr gerade so bestanden, obwohl ich zwischendurch einen Tatort gedreht hatte. Dann gab es weitere Anfragen, und im zweiten Halbjahr habe ich das nicht mehr gepackt. Ich wusste da aber schon, dass ich Schauspieler werden wollte und dass das, was ich lerne, nicht zukunftsentscheidend für mich ist.

ZEITmagazin: Wieso war Ihnen das schon so früh klar?

Trepte: Das war natürlich eine Entwicklung, aber ein Erlebnis hat eine wichtige Rolle gespielt: ein Konzert von Rammstein, das ich 2001 in Riesa mit meinem Vater besucht habe. Das war für mich wirklich einschneidend. Für mich sind Rammstein die Brüder Grimm der Gegenwart: mystisch, laut, böse, provokativ – ein dunkles Märchen. Das hatte eine totale Anziehungskraft auf mich. Als ich nach dem Konzert mit meinem Vater, der in der DDR ein bekannter Rockmusiker gewesen war, wieder im Hotel war, kam plötzlich die Band rein. Ich habe sie alle auf einem Konzertplakat unterschreiben lassen, das mir dann gestohlen wurde, sodass ich am nächsten Tag an den Tourbus klopfte und sie alle noch mal auf einer CD habe unterschreiben lassen. Von dem Moment an wollte ich eigentlich Rockstar werden, ich wollte die Musik, ich wollte dieses Leben. Ich wollte die Bühne. Und die habe ich dann in der Schauspielerei gefunden, weil meine Mutter mich bei einer Castingagentur angemeldet hatte.

ZEITmagazin: Wie lange sind Sie dann noch zur Schule gegangen?

Trepte: Ich bin zur achten Klasse auf die Realschule gewechselt. Kurz vor dem Realschulabschluss habe ich dann angefangen, einen Kinofilm zu drehen, und meinen Abschluss mit Ach und Krach bestanden.

ZEITmagazin: Was war für Sie am Set der wichtigste Unterschied zur Schule?

Trepte: Dass ich ernst genommen wurde. Als ich mit 13 den Tatort drehte, saß mir der Regisseur gegenüber, ein erwachsener Mann, und der stellte mir ganz intelligente Fragen – wie ich das Leben sehe, was mich interessiert. Lehrer haben ja gar keine Zeit, so individuell auf Schüler einzugehen, das verstehe ich auch.

ZEITmagazin: Sie sind am Set erwachsen geworden. Wie war das rückblickend für Sie?

Trepte: Während meine Freunde Abitur machten und studierten, bin ich schon viel gereist, habe gedreht, eigenes Geld verdient ... Das war eine große Verantwortung. Und ich habe mit 16 viel mehr Zeit mit 35-Jährigen verbracht als mit Gleichaltrigen. Ich war plötzlich unter Menschen, die sich alle schon gefunden hatten oder bereits in der Midlife-Crisis steckten. Rückblickend war das schwierig: Vielleicht hatte ich nicht die Zeit, mich ruhiger entwickeln zu können. Zwischen 16 und 23 knallte es bei mir ja nur so. Filme, Preise, alles flog mir zu. Mit 23 habe ich dann das Gefühl gehabt, ich muss da mal kurz raus.

ZEITmagazin: Mit 23 wurden Sie auch zum ersten Mal Vater. Hat Ihnen das geholfen, mehr Ruhe in Ihr Leben zu bringen?

Trepte: Ja, total. Ich war vorher zwar nicht nur getrieben, aber als meine Tochter geboren wurde, fing ich an, Dinge abzustecken: Was ist denn jetzt wirklich entscheidend? Ich drehe nicht mehr alles, selektiere stärker, ich sehne mich auch mehr nach meinem Zuhause, während ich es früher geliebt habe, ständig unterwegs zu sein. Und der Blick verändert sich: Alles ist weniger schwer, die Dinge werden kleiner. Ich mache gerade meinen Flugschein, und beim Fliegen ist es ganz ähnlich. Alles relativiert sich.

ZEITmagazin: Sind Sie in der Luft angstfrei?

Trepte: Ich bin grundsätzlich angstfrei. Ich fahre Motorrad, habe Bootsführerscheine – ich liebe alles, was motorisiert ist, ich liebe die Beschleunigung, das Adrenalin. Beim Fliegen abzuheben und plötzlich frei zu sein, die Einsamkeit oben in der Luft, das ist für mich die schönste Form der Meditation.

ZEITmagazin: Fällt Ihnen das Lernen für den Flugschein leichter als in der Schule?

Trepte: Wenn man das unbedingt will, muss man da durch. Es ist auch interessant, wie man plötzlich das Wetter versteht zum Beispiel. Und ironischerweise habe ich früher in der Schule gedacht: Trigonometrie, wozu brauche ich das? Jetzt weiß ich es: für den Flugschein.

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