Pullunder: Politische Verstrickung

© Peter Langer
Aus der Serie: Stilkolumne ZEITmagazin Nr. 38/2019

Es gibt Kleidungsstücke, die in Mode kommen, weil sie eigentlich konstant unmodisch sind. Zum Beispiel der Pullunder. Der ehemalige Außenminister Hans-Dietrich Genscher trug ihn sehr gern in Gelb, das SPD-Urgestein Ludwig Stiegler sehr gern in Rot. Beide entschieden sich für dieses Kleidungsstück wahrscheinlich nicht, weil sie dachten, dass es ihnen besonders gut stünde. Sie trugen es wohl eher, um zu demonstrieren, dass ihnen modischer Firlefanz egal war. Sie seien, so ihre Botschaft, als Politiker so sehr von ihren Staats- oder Parteiämtern erfüllt, dass sie die Parteifarben deutlich sichtbar am Leib trugen.

Natürlich gab es für Genscher und Stiegler auch rein zweckmäßige Gründe für den Pullunder: Man konnte dazu das obligatorische Hemd mit Krawatte tragen, ohne gleich im Anzug erscheinen zu müssen. Einen Pullunder trug man, um sich nie wieder mit Kleidung beschäftigen zu müssen – oder zumindest äußerlich glaubhaft machen zu können, dass man frei von jeder Eitelkeit ist. Dass das offenbar mit einem ärmellosen Strickteil sehr gut funktioniert, machen einige Serienhelden vor: In Family Matters etwa trägt der durchgeknallte Nerd Steve Urkel oft einen Pullunder, ebenso das Superhirn Rajesh Ramayan Koothrappali aus The Big Bang Theory. Bei dem Knetfigurenpaar Wallace & Gromit trägt der angepasste Kleinbürger Wallace natürlich auch Pullunder.

Was aber hat es zu bedeuten, dass Pullunder jetzt auf den Laufstegen der Frauenschauen zu sehen sind? Gucci hat sie mit Lämmchen-Motiv in der Kollektion, Dolce & Gabbana mit schwarzen Polkadots, bei Loewe findet man sie in schlichtem Nachtblau und bei Dior in Schwarz. Der Pullunder macht jeden Look auf eine verstörende Weise trendfremd, er wirkt heute auf rebellische Weise brav. Mit so einem Kleidungsstück signalisiert man auf den ersten Blick, dass einen die modischen Maßstäbe oder Schönheitsideale anderer nicht interessieren, man wirkt frei und unangepasst. Der einst angepasste Pullunder ist heute eine Provokation. Das hat schon einmal gut funktioniert: In den Achtzigerjahren waren an den Hamburger Gymnasien die Popper berüchtigt, also Jugendliche, die zum Ärger ihrer linksprogressiven 68er-Eltern einen betont konservativen, elitebewussten Kleidungsstil zelebrierten. Mit Marken wie Burberry oder Burlington – und eben Pullunder.

Die Politik hat sich derweil kollektiv vom Pullunder abgewandt. Ihre Protagonisten wollen heute Lederjacke (Maas) oder Slim-Anzug tragen (Lindner). Bloß nichts, was signalisiert, dass Kleidung sie nicht kümmert, weil sie die Politik so sehr lieben. Eigentlich schade.

Foto: Peter Langer / Angepasst und deshalb provokant: Pullunder von Gucci

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