Alber Elbaz: Schuh mit Seele

© Peter Langer
Aus der Serie: Stilkolumne ZEITmagazin Nr. 39/2019

Wie stark sich die Mode in den vergangenen Jahren verändert hat, erkennt man auch daran, wie schnell große Namen verblassen. Wo ist eigentlich Marc Jacobs? Der Mann, der einst das Image von Louis Vuitton als Koffermacher in das einer globalen Modemarke verwandelte und zweimal im Jahr für seine Schauen im Louvre wahre Opernkulissen errichten ließ – bis er 2013 ausgewechselt wurde. Zwar betreibt Jacobs immer noch die eigene Modelinie unter seinem Namen, macht aber deutlich weniger Aufhebens darum. Auch Tom Ford, der einst Gucci neu erfunden hat, entwirft unter eigenem Namen weiter und erhält dafür erheblich weniger Beachtung. Tomas Maier, der die italienische Marke Bottega Veneta von einem Taschen-Label zu einer der gefragtesten Luxus-Modemarken entwickelt hat, wurde voriges Jahr gekündigt – seitdem hört man nichts mehr von ihm. Die drei haben Großes geleistet und die Mode geprägt, nun geht der Zirkus ohne sie weiter. In Zeiten von Social Media brauchen Marken schnelle, laute Bilder und keine langwierigen Gestaltungsprozesse. Die Vorstellung, der Designer schwebe über allem und erspüre die Trends der Zukunft intuitiv, ist nicht mehr gefragt. Ein gutes Instagram-Posting ist heute im Zweifel mehr wert als ein gutes Kleid.

Nun bekommt einer jener großen Designer, die die Bühne verlassen mussten, wieder einen Auftritt: Der israelische Modeschöpfer Alber Elbaz hat eine Kollektion für Tod’s entworfen. Entstanden sind Taschen aus neonfarbenem Neopren, bunte Ballerinas und Loafers mit Sneaker-Sohlen. Auch um Elbaz war es längere Zeit still. Er war Designer für Yves Saint Laurent und Krizia gewesen, bevor das Label Lanvin ihn als Kreativdirektor nach Paris holte. Mit Elbaz als Designer wurde Lanvin zu einer tonangebenden französischen Modemarke. Die Entwürfe von Lanvin schienen in einer anderen Welt zu spielen: zauberhafter und überraschender als andere Marken, geprägt von Elbaz’ bübischem Charme. Sein Gastspiel bei Tod’s ruft Erinnerungen an diese Zeit wach: Einen edlen Lederschuh mit einer Sohle aus Schaumgummi zu kombinieren ist Ausdruck jenes verschmitzten Humors, der Elbaz auszeichnet.

Auch ein bisschen Melancholie ist zu spüren. Schließlich ist alles, was schön ist, auch deswegen schön, weil es vergänglich ist. Wie der Ruhm vergänglich ist, dem Elbaz mit seiner kleinen Kollektion womöglich nachtrauert. Doch ohne den Motor der Vergänglichkeit wäre die Mode tot, insofern ist das Gefühl von Wehmut durchaus in Ordnung. In jedem Fall erinnert Elbaz’ Kollektion für Tod’s daran, dass der Mode Menschen fehlen, die nicht nur Hochleistungskreative sind, sondern auch die Seele einer Marke.

Foto: Peter Langer / Da kommt Wehmut auf: Loafers von Alber Elbaz für Tod’s

Kommentare

5 Kommentare Kommentieren

"Ein gutes Instagram-Posting ist heute im Zweifel mehr wert als ein gutes Kleid."

Das mag für die preisgünstige Massen-Mode so sein. Für die hochpreisige Prêt-à-porter der Haute Couture wohl kaum. Influencerinnen bedienen ein anderes Publikum als z. B. Vogue, Elle oder Harper’s Bazaar. Influencer bieten Reichweite aber kein finanzstarkes Publikum. Ihre Followerinnen dürften sich nur in Ausnahmefällen z. b. ein Etuikleid aus Tweed für 1900 Euro leisten können.

Auch wenn Dolce & Gabbana die Influencerinnen Caro Daur und Stefanie Giesinger 2017 auf ihrer Runway-Show laufen ließen, Haute Couture Häuser lassen sich kaum von Influencerinnen beeinflussen, denn das wäre ein Armutszeugnis für jeden Kreativdirektor und damit sein kreatives Ende. Zumal die Qualifikation der Influencerinnen sich meist in ihrer Leidenschaft für shoppen und schminken erschöpft.

Dennoch können sie weit über eine Millionen Dollar im Jahr verdienen, nur eben nicht mit Haute Couture, sondern indem sie Massenware hypen.

Die Textilindustrie ist ja dank endgültiger Marktsättigung seit drei Jahren bereits halbtot. Der Niedergang ist unaufhaltsam.

Ich bin sehr optimistisch, dass bei den nächsten Generationen sich endgütlig die Erkenntnis durchsetzt, dass es real gar keine "Mode", sondern nur Hirnwäsche gibt.

Und fast schon lustig finde ich , wie die sog. "Modebranche" aktuell verzweifelt versucht, der Jugend die 90er schmackhaft zu machen.

Meine Voraussage:
Nach Skinny-Jeans kommen bald wieder Elefanten-Jeans (Boot-Cut).