Harald Martenstein: Wo darf man noch unter sich sein?

Über Knabenchöre, Meerschweinchen im Hasenstall und soziale Bewegungen, die man vor sich selbst schützen muss Von
Aus der Serie: Martenstein ZEITmagazin Nr. 39/2019

Fast alle Zeitungen brachten die Nachricht, dass ein Mädchen unbedingt in einen Berliner Knabenchor aufgenommen werden wollte. Vielleicht handelte es sich auch um einen Wunsch der Eltern und nicht so sehr des Mädchens selbst. Die Eltern klagten jedenfalls, ein Gericht lehnte das Ansinnen ab.

Aber das ist doch sowieso ein unmöglicher, sinnloser Wunsch! Genauso gut könnten die Eltern vor Gericht verlangen, dass ihrer Tochter Engelsflügel wachsen oder, damit es nicht wieder das weibliche Klischee erfüllt, ein Vollbart. Kein irdischer Richter kann Unmögliches anordnen. Ab dem Moment, in dem ein Mädchen Mitglied eines Knabenchores wird, handelt es sich nämlich logischerweise um keinen Knabenchor mehr, sondern um einen gemischten Chor. Ein Knabenchor mit Mädchen darin wäre das Gleiche wie ein Hasenstall mit Meerschweinchen darin. Das wäre dann halt kein Hasenstall mehr, sondern ein Kleintierstall. Mit diesem Beispiel will ich jetzt aber nicht die Meerschweinchen herabsetzen, das sage ich hiermit ganz klar. Die Eltern verlangten also erstens etwas logisch Unmögliches. Sie träumen einen unmöglichen Traum. Zweitens wollten sie etwas erstreiten, was sie auch ohne Prozess überall bekommen können. Gemischte Chöre gibt es ja zuhauf.

Letzten Endes liefe es darauf hinaus, dass es keine Knabenchöre mehr gibt. Ich möchte aber gern in einer bunten und vielfältigen Gesellschaft leben, mit Chören jedweder Art. Nehmen Sie als Beispiel die Donkosaken. Das war ursprünglich ein Chor mit lauter Kosaken vom Don. Ich glaube, jetzt nehmen sie, aus Kosakenmangel, auch andere, aber die müssen zumindest kosakisch klingen und Männer sein. Wenn sich Dolly Parton bei den Donkosaken hineinklagen könnte, dann wäre dies wohl das Ende der kosakischen Kultur, aber die wunderbare Dolly Parton würde so etwas Gemeines sicher nie tun.

Ich bin übrigens auch dagegen, dass der YouTuber Rezo als Kandidatin bei Germany’s Next Topmodel mitmachen darf oder Dieter Bohlen, falls er mal zufällig Single ist, bei Bauer sucht Frau. Er ist nun mal kein Bauer. Ich lehne also auch männliche Privilegien ab. Wenn aber tatsächlich die Donkosaken ihren Chor dichtmachen müssen, dann würde ich denen raten, sich in die Frauencafés hineinzuklagen. Da dürfen keine Männer hinein, bei uns um die Ecke ist eines. Die Frauen möchten unter sich sein – was ist schon dabei? Wenn dann aber die heimatlos gewordenen Kosaken, gleiches Recht für alle, in das Frauencafé hineingehen, sich breitbeinig hinhocken und mit ihren Bässen auf männlich-dominante Art Schwarze Augen und Moskauer Nächte singen, dann ist das bestimmt nicht gut für das Feeling im Frauencafé. Ich will doch nur das Beste für alle.

Außerdem wird gefordert, nicht nur in den USA, dass Fußballerinnen die gleichen hohen Gagen kriegen wie die männlichen Stars. Manchmal muss man soziale Bewegungen vor ihren eigenen Forderungen in Schutz nehmen. Weil es bei den Frauen viel weniger Zuschauer gibt – keine Ahnung, wieso –, würden alle Frauenclubs wegen dieser Gagen sofort pleitegehen, zumindest hierzulande. Klar, in Deutschland könnte man einen Frauenfußball-Solidaritätsbeitrag einführen. Ich würde das gern zahlen, aber wer sonst? Kürzlich hatte ich übrigens die Idee, dass man im Wetterbericht auch die Shitstürme erwähnt, also: Boris Palmer hat gerade wieder einen, bei Julia Klöckner zieht er ab, bei AKK baut sich wieder was auf, aus diesem und jenem Grund. Da wäre ich natürlich dafür, dass alle Shitstürme abwechselnd männliche und weibliche Namen kriegen.

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