© Gilles Peress

Nordirland: Zeiten des Zorns

Der Brexit könnte dazu führen, dass zwischen Nordirland und der Republik Irland eine Grenze errichtet wird, das schürt alte Konflikte. Der Fotograf Gilles Peress hat Nordirland immer wieder bereist. Seine Bilder zeigen das unruhige Land seit den Neunzigerjahren Von
ZEITmagazin Nr. 39/2019

Der Fotograf Gilles Peress kennt Nordirland, seit der Bürgerkrieg vor 50 Jahren begann. Wie sieht er das Land?

Gilles Peress ist ein ungewöhnlicher Fotograf. Der Krieg und seine Folgen sind die Lebensthemen des 72-jährigen Franzosen. Er hat den Balkankrieg, den Völkermord in Ruanda und den Konflikt in Israel und Palästina dokumentiert, zweimal leitete er die legendäre Fotoagentur Magnum. Das Besondere an seiner Arbeit ist, dass er dann weitermacht, wenn andere aufhören. Immer wieder fährt er an die Orte, die die Weltöffentlichkeit zu vergessen scheint. Nordirland fotografiert er seit fast 50 Jahren – den Schauplatz eines Konflikts, den viele für befriedet hielten und der nun, im Zuge des Brexits, wieder aufzubrechen droht. Was fasziniert ihn so an diesem Ort?

"Als ich Nordirland in den Siebzigerjahren zum ersten Mal besucht habe, fiel mir auf, wie klein es ist", erzählt Gilles Peress. "Man kann in anderthalb Stunden einmal durchfahren. Es wirkte fast wie eine Bühne. Mir wurde klar, dass ich es in seiner Ganzheit beschreiben könnte, mit all seinen Details und Widersprüchen. Ich wollte weit über das hinausgehen, was Journalismus tut. Ich kannte dort fast alle, und alle kannten mich. Es war erstaunlich."

Peress war schon dabei, als britische Soldaten 1972 in der Stadt Londonderry auf unbewaffnete katholische Demonstranten schossen. Der Tag ging als "Bloody Sunday" in die Geschichte ein und verschärfte die seit 1969 schwelenden "Troubles", wie der Bürgerkrieg genannt wurde. Auf der einen Seite kämpften die nordirischen Katholiken, die sich mit der unabhängigen Republik Irland vereinigen wollten und sich "Republikaner" nannten, der bewaffnete Teil von ihnen war die IRA. Auf der anderen die nordirischen Protestanten, die sich als Teil von Großbritannien sahen und "Unionisten" waren. Je länger Peress den Bürgerkrieg beobachtete, desto näher fühlte er sich den Iren. "Einmal habe ich einen Freund besucht, der einen Süßigkeitenladen hatte und bei der IRA war. Als mir seine Tochter entgegenlief, sagte er: 'Dieser Mann denkt, er sei kein Ire. Aber er ist es!'" Die "Troubles" kosteten 3500 Menschen das Leben. Erst 1998, nachdem das Land kriegsmüde geworden war und das Karfreitagsabkommen unterzeichnet wurde, legten beide Seiten ihre Waffen nieder.

Gilles Peress’ Fotoprojekt, das wir hier in Auszügen zeigen, handelt von den Neunzigerjahren und der Zeit nach dem Abkommen. Auch in diesen Friedensjahren kam das Land nicht wirklich zur Ruhe. Die Soldaten verschwanden zwar von den Straßen, die junge Generation konnte sich ihrer Zukunft widmen, viele studierten. Aber die Erinnerung an die Vergangenheit blieb präsent: In katholischen Vierteln in Londonderry und Belfast erinnern große Wandgemälde bis heute an IRA-Kämpfer, die im Bürgerkrieg gestorben sind.

Immer wieder kam es auch in den Jahren nach dem Friedensabkommen zu Ausschreitungen und Anschlägen von beiden Seiten. Paramilitärische Nachfolgeorganisationen riefen weiter zum bewaffneten Kampf auf. Und erst im April 2019 wurde die 29-jährige Journalistin Lyra McKee von Anhängern der "New IRA" erschossen, während sie über Unruhen in Londonderry berichtete. (Die New IRA sieht sich in der Nachfolge der alten IRA.) Peress hat die Beerdigung der Journalistin besucht, sein Bild ist auf Seite 56 zu sehen.

Der Brexit hat den Nordirland-Konflikt wieder angeheizt – weil zu befürchten ist, dass die Grenze zwischen Irland und Nordirland wieder undurchlässig wird, wenn Nordirland mit Großbritannien aus der EU austritt und eine neue Außengrenze der EU die irische Insel teilt. "Im Moment sieht man von der Grenze nicht viel. Man kann sie überqueren, ohne etwas davon mitzubekommen", sagt Gilles Peress. "Nur wenn man aufpasst, sieht man einige Anzeichen: In Nordirland ist eine Höchstgeschwindigkeit von 50 Meilen pro Stunde erlaubt. In der Republik (wo man in europäischen Kilometern rechnet, Anm. d. Red.) sind es 80 Kilometer pro Stunde. Im Norden sind die Mittelstreifen auf der Straße weiß, im Süden gelb."

Der britische Premierminister Boris Johnson hat angekündigt, dass Großbritannien den Brexit am 31. Oktober vollziehen werde – koste es, was es wolle. Falls es keine Einigung mit der EU gibt, könnten bald auch wieder Schlagbäume an der irischen Grenze aufgebaut werden. Eine schreckliche Vorstellung, findet Gilles Peress.

"Einen Frieden zu wahren ist viel schwieriger, als einen Krieg zu beginnen", sagt er. "Was wird passieren, wenn wieder eine harte Grenze errichtet wird? Wie sehr wird dadurch die Zeit zurückgedreht? Mein Gefühl sagt mir, dass irgendeine Form von Krieg zurückkehren wird."

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