Pubertät: "Das ist nur peinlich, Papa"

© Aline Zalko
Der Vorschlag des Vaters versetzt die Tochter ins nackte Entsetzen. Es muss die schlichte Präsenz des Vaters sein, die peinlich ist. Das kann er sogar verstehen. Von
Aus der Serie: Prüfers Töchter ZEITmagazin Nr. 39/2019

Ein Vorteil, den Kinder einem bieten, ist, dass man in ihnen potenziell jemanden hat, der einen gut findet. Viele können sich gegen dich stellen und dich verachten. Kinder halten lange zu ihren Eltern, auch wenn diese sich schlecht benehmen. Ich habe schon oft Menschen gesehen, die ich von Grund auf unsympathisch fand. Dann aber sah ich ihre Kinder und war milder gestimmt – denn wenn die Kinder diese Leute so gut fanden, dann konnten sie doch nicht so schlecht sein, oder? Kinder finden alles, was ihre Eltern machen richtig, richtig gut. Außer natürlich, diese Eltern sind peinlich. Ich bin leider peinlich.

Neulich beobachtete ich meine Tochter Greta bei ihren Deutsch-Hausaufgaben. Es ging tatsächlich um das Thema Journalismus. Greta musste aus einem erzählten Text typische Nachrichtenfragen herauslösen, also: Wer? Was? Wo? Wann? Wie? Ich war ganz aus dem Häuschen, schließlich war das eine der wenigen Gelegenheiten, bei denen ich meiner Tochter mit kompetentem Rat zur Seite stehen konnte. Journalismus, das ist nämlich die Tätigkeit, mit der ich schon seit Jahrzehnten mein Geld verdiene. Ich war ganz aufgedreht vor Glück, wie ein Kaninchen, das versehentlich an einem Energydrink genuckelt hat. "Ich könnte ja auch in deiner Klasse vorbeikommen und mal davon erzählen, wie man als Journalist so arbeitet", plapperte ich. "Waaas?", sagte Greta. "Papa! Bloß nicht! Das ist total peinlich!" – "Warum ist das peinlich? Das ist doch toll, wenn man mal was von Profis erklärt bekommt." – "Nein, das wäre so was von gar nicht toll, wenn du da vor der Klasse stehst!" Aus Gretas Augen blitzte mir das nackte Entsetzen entgegen. Ich habe dann nicht weiter nachgefragt, aber so richtig bin ich nicht darüber hinweggekommen. Was, glaubte Greta, würde ich vor ihrer Klasse veranstalten? So viel ich auch überlegte, es fiel mir nicht ein, was ich denn so Schlimmes machen könnte vor zwölfjährigen Schülern, dass man später sagen würde: "Oje, das war ein peinlicher Auftritt, schlimm, wenn man so einen Vater hat." Ich kam zu dem Schluss, dass es meine schlichte Präsenz sein muss, die peinlich ist. Papa betritt den Raum, und die Peinlichkeit dampft ihm aus allen Poren.

Wir waren neulich auf einem 50. Geburtstag, einer Gartenparty, es war ein sehr großer Garten. So groß jedenfalls, dass Greta darin einfach verschwand und lange nicht mehr auftauchte. Sie trieb sich dort mit anderen Jugendlichen herum und war sehr darauf bedacht, in keinerlei Verbindung mit mir gebracht zu werden. Greta ist keineswegs unfreundlich zu mir. Aber durch ihren Umgang mit mir signalisiert sie, dass es ungünstig für sie wäre, mit einem wie mir gesehen zu werden.

Ich versuche, das nicht persönlich zu nehmen. Ich sehe mich mit Gretas Augen und komme mir auch peinlich vor. Wie ich so dastehe, immer etwas zu hibbelig und etwas zu laut. Peinlich halt. Und dann hoffe ich, dass das nur eine Phase ist, dass es auch anderen Eltern passiert, dass ihre Kinder sich ihrer schämen.

Neulich war ich mit Greta unterwegs. Sie muss für Englisch Wegbeschreibungen üben. Ich schlug vor, dass wir uns doch einfach auf Englisch über den Weg unterhalten könnten, und fing an: "Nau wie törn läft ..." Leider spreche ich ein wenig mit Akzent. Greta erstarrte. "Papa, hör augenblicklich auf, Englisch in der Öffentlichkeit zu reden, oder ich dreh um und gehe!" Ich hoffe, diese Phase endet, bevor Greta mich noch wegen übermäßiger Peinlichkeit verlässt.

Kommentare

83 Kommentare Seite 1 von 9 Kommentieren