Boris Johnson: Über Superhelden

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Aus der Serie: Gesellschaftskritik ZEITmagazin Nr. 40/2019

Auch wir hinfälligen Lords und Ladies haben mitbekommen, dass Boris Johnson, der lebhafte Premierminister aus Großbritannien, sich jüngst mit dem grünen (farblich gemeint, liebe Grüße!) Superhelden Hulk verglichen hat. Dazu muss man wissen, dass Hulk ein Nuklearphysiker ist, der sich in einen schrankhaften Wüterich verwandelt, wenn man ihn reizt, und forthin unaufhaltsam durchs Gelände marodiert. Und mit dieser Unverwüstlichkeit wolle er, Johnson, nun den Brexit abwickeln. Später lasen wir, dass sich der Hulk-Darsteller und Hollywoodstar Mark Ruffalo kraft seiner Expertise zum Hulk-Vergleich gemeldet hat und dies zur Überschrift führte: "Ruffalo rüffelt Boris Johnson", was uns Grüffelos dieser Kolumne neugierig machte. Aber Ruffalo meinte nur, Hulk interessiere sich trotz seines ausschweifenden Grobianismus am Ende immer für "das Wohl des Ganzen".

Wir dachten eigentlich, bei Superhelden gehe es im Wesentlichen darum, dass laufend Ausnahmezustand herrscht, ähnlich wie im Matratzendiscounter an der Ecke, und man sich stimmungsvoll auf die Mappe haut. Weswegen uns ohnehin nicht einleuchtet, weshalb man sich mit Superhelden vergleicht oder gerne einer sein will. Superman muss sich zum Beispiel in engen, dauerfeuchten Telefonzellen umziehen, und davon gibt’s ja immer weniger, vermutlich deshalb hat auch der Papst einmal einen Superman-Vergleich zurückgewiesen. Und die anderen Helden: Batman lauert verklemmt in dunklen Ecken herum, Spiderman trägt bunte Hosen, und sowieso immer diese Trikotstoffe, unter denen jedes Deo versagt. Captain America hat seit Jahrzehnten Liebeskummer, die Skincare-Routine von Wolverine würde uns täglich Stunden kosten, und von der Work-Life-Balance von Iron Man und der CO₂-Bilanz der Menschlichen Fackel wollen wir gar nicht reden.

Generell würden wir uns über sozialverträglichere Superheldenfähigkeiten freuen, damit die Gesellschaft, wie es ja andauernd heißt, nicht noch weiter gespalten wird: jemanden, der nur fliegen kann, wenn niemand guckt, zum Beispiel. Oder einen, der E-Scooter in Ofengemüse verwandelt. Und warum nicht mal ein Comic über einen humanoiden Marder, in dessen Gegenwart kein Auto mehr anspringt? Dieser Comic allerdings müsste in einem ökoradikalen Verlag erscheinen, denn wie jeder weiß, ist der Marder der Kleintier-Arm der interventionistischen Umweltlinken. Ganz abgesehen davon sollte jeder, der immer noch gerne Hulk wäre, wissen: Am nächsten Tag wacht man meistens in zerschlissenen Klamotten auf, ist geplagt von Schuldgefühlen und schlechtem Gewissen und weiß nicht mehr, was man gestern getan hat.

Kommentare

36 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

"Und nein. Die EU ist schon lange nicht mehr "nur" ein Handelsverein. Und das UK ist schon lange keine Weltmacht mehr. Und BoJo ist nicht König von England."

Die EU hat zwar eine friedensstiftende Wirkung, aber das Vereinigte Königreich hat seit Jahrhunderten kein kontinentaleuropäisches Land angegriffen.

Und nein, eine Weltmacht ist UK auch nicht mehr, aber immerhin noch Atommacht und ständiges Mitglied im UN-Sicherheitsrat. Der größte Verlust für mich wird aber sein, dass wir mit ihnen die nordwesteuropäische Sperrminorität in der EU verlieren.

"Öhm. Den Irlandkonflikt vergessen? Die Falklands vergessen? Irak vergessen?"

Nein. Denn:

"Das ist zwar jetzt nicht kontinentaleuropäisch, deutet aber auch nicht unbedingt auf Friedenswillen hin."

Die EU-Mitgliedschaft hat o.g. Konflikte nicht verhindert. Aber darum geht es ja - wenn das UK austritt, ist das ausschließlich eine wirtschaftliche Frage und keine Frage des Friedens in Europa.