Georgien: Am Ende der Nacht

Georgien ist geprägt von der Angst vor Putin und dem Konservatismus der Kirche. Die junge Generation will sich das nicht länger gefallen lassen. Sie tanzt zu Techno, kämpft für Schwule und Lesben und verleiht dem Land ein neues, weltoffenes Gesicht. Eine Reportage von , Tbilissi
ZEITmagazin Nr. 40/2019

Am Ende einer langen Nacht im Bassiani, dem berühmten Technoclub von Tbilissi, geht Nia Gvatua einen dunklen Gang entlang, dann eine Treppe hoch, plötzlich wird es heller. "Von dort oben", sagt sie und deutet auf ein Tor mit einem schweren Metallgitter, "hat man einen überraschenden Ausblick."

Nia Gvatua, 28, ist die Gründerin der Success Bar, der ersten Schwulenbar in ihrem Heimatland, und sie ist auch die Innenarchitektin des Bassiani, einer Art Berghain Osteuropas, nach dem berühmten Vorbild aus Berlin. Die letzten Stunden hat sie auf der Tanzfläche verbracht, gemeinsam mit dem Fotografen Patrick Bienert aus München, den sie seit ein paar Jahren kennt. Patrick Bienert kam zum ersten Mal 2013 nach Georgien, er machte Urlaub mit seiner Freundin, seitdem hat ihn das Land nicht mehr losgelassen. Er reist mehrmals im Jahr nach Tbilissi, und irgendwann hat er angefangen zu fotografieren.

Am Anfang des Abends hatte Nia Gvatua erklärt, dass der Club zwei Tanzflächen hat, in der großen Halle werde härterer Techno gespielt, auf der kleineren Fläche, einer Art Club im Club, weichere elektronische Musik. An diesem Freitagabend Mitte Juli ist kein Unterschied zu hören, der Sound ist auf beiden Tanzflächen gleichermaßen hart – und das Publikum feiert dazu.

Das Bassiani liegt unter einem Fußballstadion. Als ich davon zum ersten Mal hörte, hatte ich mir ein altes, in die Jahre gekommenes Gebäude vorgestellt, in dem früher einmal Fußball gespielt wurde und das jetzt in einen Club verwandelt wurde. Das Bassiani aber liegt in den Katakomben des Spitzenfußballclubs der Stadt, Dinamo Tbilissi, der hier an den Wochenenden seine Spiele austrägt. Die große Tanzfläche ist ein ehemaliges Schwimmbecken mit olympischen Ausmaßen.

Nach den Stunden in der Dunkelheit des Clubs geht Nia Gvatua jetzt auf das Tor mit den Metallstäben zu, und sie hat recht: Der Ausblick ist überraschend. Durch das Gitter hindurch ist der Fußballplatz zu sehen, wenige Meter entfernt, ein frisch gemähter grüner Rasen, umgeben von leeren Zuschauerrängen. Nia Gvatua zündet sich eine Zigarette an und streckt sie durch das Gitter – "draußen" zu rauchen ist erlaubt.

Sie macht es wie die meisten ihrer Generation in Tbilissi: Sie macht das Beste aus ihrer Situation, in einem Land, das einerseits in den Westen strebt und andererseits bedroht wird durch Putins Russland. Die Jungen hier sind frei, aber doch nicht ganz. Wie leben sie in diesem Land, das sich einerseits öffnet und doch noch immer von den Vorstellungen der orthodoxen Kirche dominiert wird?

Seitdem Nia Gvatua vor zwei Jahren ihre Bar eröffnet hat, wird diese immer wieder überfallen, selbst die Security-Leute vor Ort wurden attackiert und beschimpft, sagt sie. Auch sie persönlich wurde auf der Straße angefeindet. Die Success Bar hat zwei kleine Räume, sie ist bislang der einzige öffentliche Ort in Georgien, an dem sich Schwule und Lesben treffen können.

Verbringt man ein paar Tage in Tbilissi, besucht Bars und Cafés, große und kleine Clubs, wird man an die Stimmung erinnert, die das Nachtleben in Berlin nach dem Fall der Mauer ausgemacht hat, als die Jugend den Ostteil der Stadt als ihre Spielwiese entdeckte, in leere Häuser einzog und illegale Clubs eröffnete. Wobei man diesen Vergleich etwas einschränken muss. Das Nachtleben von Tbilissi fühlt sich an, wie sich das Nachtleben im Osten Berlins in den Neunzigern vielleicht angefühlt hätte, wenn die russischen Truppen damals nicht ganz verschwunden wären, sondern, sagen wir, immer noch in Mecklenburg-Vorpommern stationiert gewesen wären. Und es jederzeit vorstellbar gewesen wäre, dass sie nach Berlin zurückkehren könnten.

Zwei Tage nach der Nacht im Bassiani sitzen Nia Gvatua, Patrick Bienert und ich in einem Taxi, das uns aus der Stadt hinausbringt, hoch in die Berge, auf lang gezogenen Serpentinen. Dort wohnt Nutsa Kukhianidze, 36, die bekannteste georgische Schauspielerin ihrer Generation. Sie wurde als Jugendliche fürs Kino entdeckt, lebte später einige Jahre in Hollywood, drehte Filme mit Nick Nolte und Ralph Fiennes. Eine neue internationale Produktion mit ihr soll später im Jahr in die europäischen Kinos kommen. Seit einigen Jahren ist sie zurück in Tbilissi, zwei Kinder hat sie mittlerweile, die sie mit ihrem Partner, dem DJ und Musikproduzenten Bacho Chaladze, erzieht.

Je höher wir auf dem Weg zu Nutsa Kukhianidze kommen, desto kleiner wirkt unten im Tal Tbilissi, die Hauptstadt eines Landes mit einer komplizierten Geschichte. Unzählige Male ist Tbilissi überfallen und verwüstet worden. Heute leben etwas über eine Million Menschen in der Stadt, die gesamte Bevölkerung Georgiens ist nicht größer als 3,7 Millionen Menschen. Georgien, das gemeinsame Grenzen mit Armenien, Aserbaidschan, Russland und der Türkei hat, wurde nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion 1991 unabhängig. Es begannen Jahre der Gesetzlosigkeit, Mafiagruppen kontrollierten die Wirtschaft, einige Unternehmer wurden extrem reich, sie sind die Investoren von heute.

Die Menschen haben immer noch Angst, dass Putin eines Tages seine Truppen nach Tbilissi schickt.
Nutsa Kukhianidze

Kurz bevor wir das Haus der Schauspielerin Nutsa Kukhianidze erreichen, das am Ende einer kleinen Siedlung liegt, ist plötzlich der Kaukasus zu sehen, das 1100 Kilometer lange Hochgebirge. Zu Zeiten der Sowjetunion wurde Georgien das "Italien des Ostens" genannt, was an seinem milden Klima liegt – und an seiner Küche, in der es auch Nudeln und eine Art Pizza gibt. Und natürlich am georgischen Wein. Die Tradition des Landes geht weit zurück, mehr als 7000 Jahre, daher sagen viele Georgier bis heute, der Weinanbau sei hier erfunden worden.

Nutsa Kukhianidze und ihr Mann Bacho Chaladze empfangen uns auf der Terrasse des Hauses mit Brot, dem berühmten georgischen Käse Sulguni und georgischem Rotwein. Sie kommt schnell auf die politische Lage zu sprechen, ihr Mann zieht sich zurück in den ersten Stock des Hauses. "Die Menschen haben immer noch Angst, dass Putin eines Tages seine Truppen nach Tbilissi schickt", erzählt sie. "Wir wissen alle, dass seine Panzer nicht weit entfernt stehen." Während der letzten Invasion der russischen Armee vor einem Jahrzehnt, sagt Nutsa Kukhianidze, "haben alle gedacht, dass sie bis nach Tbilissi kommen werden". Ihre gesamte Familie, Cousinen, Onkel, Tanten und deren Kinder, sei zu ihr hoch in das Haus geflohen, sagt sie und lacht über die Absurdität der Situation. "Seitdem wissen wir, dass hier über 30 Menschen übernachten können, wenn es darauf ankommt. Wir haben einfach nur gehofft, dass wir hier oben etwas sicherer sein würden." Am Ende blieben die Panzer 60 Kilometer vor der Stadt stehen.

Die derzeitige georgische Regierung hat demokratische Wahlen gewonnen, auch wenn die Opposition von Wahlbetrug und Bestechung der Bevölkerung auf dem Land gesprochen hat. Viele Georgier wie Nutsa Kukhianidze und Nia Gvatua sagen, dass die Regierung zu sehr die Nähe zu Putin suche. Bei den Wahlen im kommenden Jahr werde sich zeigen, sagt Nutsa Kukhianidze, "ob wir wieder selbstständiger werden". Wer auch immer die Wahlen gewinnt: Weil Wladimir Putin mit allen Mitteln verhindern will, dass Georgien eines Tages Mitglied der Nato wird, was sich ein Teil der Bevölkerung wünscht, wird das Land auf absehbare Zeit in Russlands Schatten bleiben.

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