Harald Martenstein: Über Bücher, die man nicht gelesen haben muss...

– und das angeblich langweiligste Buch der Welt Von
Aus der Serie: Martenstein ZEITmagazin Nr. 40/2019

Bald ist wieder Buchmesse. Aus diesem Anlass empfehle ich zwei Bücher, zuerst Wie man über Bücher spricht, die man nicht gelesen hat von Pierre Bayard. Der Autor, ein Literaturprofessor, vertritt die Ansicht, dass man über ungelesene Bücher viel unbefangener und lebendiger reden kann als über gelesene. Der Dichter Paul Valéry hat sogar seinen schönen Nachruf auf Marcel Proust mit dem Geständnis gewürzt, dass er nie ein Buch von Proust ganz lesen konnte. Aber das sei ein fantastischer Schriftsteller. Um dies zu erkennen und um dessen geniale Methode zu durchschauen, genügten wenige Seiten. So habe ich es mit Proust ebenfalls gehalten. Und ich könnte jederzeit ein Essay über Proust schreiben.

Bayard erzählt die Geschichte eines Autors, der sogar keine Zeile seines eigenen Buches gelesen hat. Das Manuskript wurde vor der Veröffentlichung so gründlich umgeschrieben, dass ihm die Lektüre des Endprodukts zuwider war. Es wurde zum Bestseller. In einem Fernsehinterview machte dieser Autor mit seinen sarkastischen, vieldeutigen Antworten einen hochinteressanten Eindruck.

Ich war auf einer Schiffsreise und stand an der Reling. Alle Bücher, die ich dabeihatte, waren leider gelesen. Es gab kein Internet. Es gab nichts zu tun. Die Kabine war aufgeräumt, das Kind befand sich in der Betreuung. Ich langweilte mich und stellte mir die Frage, wann ich mich zuletzt gelangweilt hatte. Das muss in den Siebzigerjahren gewesen sein, im Zivildienst, während der Pausen. Ich merkte, wie toll es ist, sich zu langweilen. Die Gedanken schwappten im Rhythmus der Wellen im Kopf hin und her. Langeweile ist wie high sein. Einige Wochen später kaufte ich Das langweiligste Buch der Welt. Es wird als Schlafmittel angepriesen. Ich kann schlecht einschlafen und legte das Buch auf mein Hochbett.

Die Kapitel heißen zum Beispiel "Wissenswertes über Kreisverkehre", "Vergleich der Fortpflanzungsraten von Schadinsekten", "Wie Sie eine Wand fliesen" oder "Die Geschichte der litauischen Monarchie". Beim ersten Durchblättern, gegen 23 Uhr, blieb ich bei einem Kapitel hängen, das mich sofort interessierte, es heißt "Eine detaillierte Textanalyse des ersten Satzes von Don Quijote". Auf den ersten drei Seiten kam der Autor allerdings nur bis zum neunten Wort des großen Miguel de Cervantes, es heißt "ich". Der gesamte Satzbeginn lautet "In einem Dorf der Mancha, an dessen Namen ich". Sogar das Komma wurde kommentiert, im Stile eines Bergwanderführers: "Nach dem fünften Wort des Satzes erreichen wir unser erstes Komma, das es uns in seiner Funktion als Satzzeichen erlaubt, einen kurzen Moment innezuhalten und die Informationen, die wir bislang erhalten haben, nochmals zu durchdenken." Das tat ich dann auch.

Anschließend las ich "Wissenswertes über die englische Sprache" und erfuhr, dass dermatoglyphics, "Fingerabdruckuntersuchungen", eines der beiden längsten englischen Wörter ist, in denen jeder Buchstabe nur einmal vorkommt. Sodann vertiefte ich mich in "Eine Geschichte der Artischocken". Während der Dreißigerjahre kontrollierte die Mafia auf brutale Weise den Artischockenmarkt in New York. Es kam im Gangstermilieu zu den längst vergessenen "Artischockenkriegen", bis der New Yorker Bürgermeister den Verkauf, die Auslage und den Besitz von Artischocken mutig unter Strafe stellte.

Als ich das angeblich langweilige Buch zuklappte, war es zwei Uhr morgens. Ich mag es, mich zu langweilen. Da bin ich sicher nicht der Einzige. Aber ich krieg’s, verdammt noch mal, fast nie hin.

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