© Irina Rozovsky

Jimmy Carter: Der lange Abschied eines Präsidenten

Plains im Süden der USA hat 776 Einwohner. Einer von ihnen ist Jimmy Carter, Präsident der USA von 1977 bis 1981. Jetzt feiern sie hier Carters 95. Geburtstag – und fürchten den Tag, an dem er stirbt. Von
ZEITmagazin Nr. 40/2019

Am Morgen, der einer langen und stickigen Nacht nachfolgt, die die meisten Schaulustigen schlaflos auf dem Parkplatz verbrachten, in ihren Autos, auf ihren Klappstühlen, als die Geduldigen eingelassen und die Zuspätgekommenen vor der Tür abgewiesen wurden, betritt er mit unsicherem Gang die Kirche. Das Haar dünn wie Gespinst mittlerweile, so schlohweiß, dass es fast durchsichtig ist. Den Rücken tief gebeugt. Ruckartig schiebt er sich voran. Er hält nach einigen Schritten inne, um sich dann wieder in Bewegung zu setzen. Er hebt zur Begrüßung die Hand und dreht seinen Kopf zur Menge hin. Seine Augen, einst strahlend blau, sind im hohen Alter milchig geworden. Er lächelt das breite Lächeln, an dem man ihn jahrzehntelang erkannte und mit dem er einst die Nation für sich gewann. Die Menge aus über 400 Gottesdienstbesuchern würde an dieser Stelle applaudieren, doch das hat man ihnen zuvor untersagt. Der Präsident hasst es, wenn man ihm in der Kirche Beifall klatscht.