Lizzo: "Aktivismus bedeutet: zu kapieren, dass ein Traum umgesetzt werden muss"

© Yves Borgwardt
Aus der Serie: Ich habe einen Traum ZEITmagazin Nr. 40/2019

Martin Luther King hatte mal einen Traum. Er wurde umgebracht und als Terrorist dämonisiert, dabei wollte er nur seiner Gemeinde helfen. Heute, fünf Jahrzehnte später, feiern wir ihn wie einen Heiligen. Bei sehr vielen schwarzen Familien in Amerika hängt sein Foto neben den Bildern von Barack Obama und Jesus an der Wand. Sein Traum ist bisher trotzdem nicht in Erfüllung gegangen. Auch deshalb weiß ich ehrlich gesagt gar nicht mehr, wovon ich noch träumen soll. Wir arbeiten uns seit einer gefühlten Ewigkeit an demselben Traum ab: Einheit und Gleichberechtigung.

Manchmal reiten wir eine Welle und bewegen uns ein Stück vorwärts, dann bricht sie wieder über uns zusammen und macht unsere Anstrengungen zunichte. So fühlt es sich jedenfalls an. Es ist ein endloser Kampf. Aber es liegt auch in der Natur des Menschen, die Hoffnung nicht aufzugeben. Hoffnung stellt sicher, dass wir weitermachen.

Mein Traum ist, dass noch viel mehr Schwarze endlich erkennen, wie das System, in dem wir in den USA leben, wirklich funktioniert. Ich träume davon, dass sie sehen, dass dieses System vor allem den Unterdrückern dient und dass die Ungerechtigkeiten gewollt sind – weil es Menschen in Machtpositionen gibt, die davon profitieren.

Wir müssen aufhören, empört darauf zu reagieren, dass sich niemand für unsere Belange interessiert, und aufhören, überrascht zu sein, wenn unschuldige schwarze junge Männer wie Michael Brown oder Trayvon Martin auf offener Straße erschossen werden. Stattdessen müssen wir uns überlegen, was der nächste Schritt sein könnte, und anfangen, wirklich aktiv zu werden. Denn das bedeutet Aktivismus ja auch: zu kapieren, dass ein Traum umgesetzt werden muss. Wer nur träumt, bleibt passiv.

Martin Luther King hat nicht gesagt: "Ich habe einen Traum", weil er ein passiver Bürger war. Er hat gesagt: "Ich habe einen Traum", um die Menschen aufzuwecken. Das möchte ich auch. Ich möchte meine Gruppe, meine Fans, meine Gemeinde aktivieren. So haben mich auch meine Eltern in Detroit erzogen. Sie sind aufgewachsen, als Martin Luther King noch lebte, und haben uns Kindern beigebracht, wachsam zu sein.

In 300 Jahren werden die Leute hoffentlich auf diese Zeit zurückschauen und denken: Mann, war die Welt damals beschissen. So wie wir heute auf die Zeit der Sklaverei schauen und denken: Was für ein Wahnsinn! Was haben die Menschen sich nur dabei gedacht?

Kurz nach der Wahl von Donald Trump habe ich tatsächlich kurz davon geträumt, nach Kanada auszuwandern, aber ich kann mein Land nicht im Stich lassen. Jetzt muss man erst recht Zivilcourage beweisen und alles dafür tun, dass sich die Bürgerinnen und Bürger dieses Landes zusammentun und Veränderungen herbeiführen.

Barack Obama war so ein toller Präsident. Ich hatte während seiner Amtszeit das Gefühl, meine Sorgen und Ängste endlich ablegen zu können. Aber so ist es jetzt nicht mehr. Niemand schützt mich, und wenn uns niemand mehr schützt, müssen wir wieder lernen, uns gegenseitig zu schützen. Es geht nicht nur um Gleichberechtigung. Die ganze Welt steht gerade kopf. Und solange wir nur vom Weltfrieden träumen, wird es den Weltfrieden nie geben.

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